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Der Raw : kulturhistorische Erzählung / von Judäus
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Damit hat er die volle Wahrheit gesagt", entgegnete der Raw.

Alles hing an den Lippen des Raw, wie er selbst diese Ungeheuerlichkeit rechtfertigen werde. Doch dieser fuhr mit heiterem Lächeln fort:

Die erste Bedingung für die Vollführung seiner welterlösenden Sendung ist bei Moschiach, daß er allenthalben Glauben findet. Würde er nun ein Chosid sein, so würden ihm die Misnag- dim nicht glauben, dafür sind sie eben Misnag- dim. Wir Chassidim aber sind gläubig, selbst einem Misnaged und nun gar Moschiach gegen­über, deswegen kann er kein Chosid, sondern muß ein Misnaged sein."

Dem milden Urteil des Rabbi folgte lauter Beifall, an dem sich alle Anwesenden beteiligten. Wer das bunte Gewoge aufmerksam beobachtete, dem hätte eine Maske nicht entgehen können, die seit etwa einer Stunde sich hier bewegte, ohne an dem lauten Jubel aller Anwesenden teilzunehmen. Sie suchte fortwährend in die Nähe des Rabbi zu kommen, doch das war nicht leicht, denn der gastliche Hausherr war fortwährend von einem dichten Kreis seiner Getreuen umgeben, die einen undurchdringlichen Ring um ihn zogen. Aber in dem lauten Leben und Treiben war jeder zu sehr mit sich beschäftigt, als daß er einen prüfen­den Blick für seine Umgebung übrig gehabt hätte. Nur der Rabbi hatte seit einiger Zeit die Maske beobachtet und es war ihm nicht entgangen, daß sie sich erfolglos alle Mühe gab, in seine Nähe zu gelangen. Als ihm ein neuer Streitfall zur