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In einer anderen Ecke des dichtgefüllten Saales stritten zwei Masken, die als Chosid und Misnaged verkleidet waren. Als dem Misnaged die Gründe ausgegangen waren, schrie er in die Masse hinein: Die Chassidim sind lauter Narren und Lügner!"
Ein solcher Mißbrauch der Redefreiheit war selbst am Purim unerhört. Als der Verbrecher zur Aburteilung vor den Raw geführt wurde, legte dieser die Stirne in Falten und erklärte:
„Eine solche Aeußerung ist ein Kapitalverbrechen,- da ist es nach Din Thora (göttlichem Recht) Vorschrift, alle Mtlderungsgründe zu finden, die einen Freispruch bewirken können. Er hat uns Narren genannt und Lügner. Gut. Von einem Narren sagt Schelomo, daß er alles glaubt. Narr ist daher nur eine Umschreibung von gläubig, und gläubig sind wir und rühmen uns sogar dessen. Der Midrasch sagt ferner, daß, als Gott den ersten Menschen schaffen wollte, die Engel baten, ihn nicht zu schaffen, denn er werde voller Lügen sein. Nun hat aber Gott den Menschen trotzdem geschaffen, hat sich also an den Lügen nicht gestoßen, und wir sollten eine Beleidigung darin erblicken? Ich spreche ihn daher frei."
„Aber", entgegnete der Gegner des Freigesprochenen, „der Misnaged hat auch vorhin vor Zeugen erklärt, daß Moschiach (der Messias), den wir täglich erwarten, kein Chosid, sondern ein Misnaged sein werde, solche lästerliche Behauptungen sind doch unerträglich."