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Autoemanzipation : Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden / Leo Pinsker. Mit einem Vorw. v. M. T. Schnirer
Entstehung
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wir ohne Kompass und einen solchen gilt es zu schaffen. Weit, sehr weit entfernt ist der Hafen, den wir mit der Seele suchen. Wir wissen zur Zeit noch. nicht einmal, wo er sich befindet, ob im Osten oder im Westen. Dem tausendjährigen Wanderer jedoch darf kein noch so weiter Weg zu lang sein.

Wie aber jenen Hafen finden, ohne eine Expedition aus­laufen zu lassen? Sind wir einmal so glücklich, zu wissen, was uns nottut, und haben wir erst einen Entschluss gefasst, dann müssen wir mit aller Vorsicht und Sorgfalt Schritt für Schritt vorwärtsgehen, ja nicht voreilig sein und uns mit aller Kraft dagegen stemmen, dass wir nicht auf Seitenwege abgelenkt werden. Wohl fehlt uns der geniale Moses als Führer solche Führer­schaften gewährt das Geschick einem Volke nicht zu wiederholten Malen. Aber die klare Erkenntnis dessen, was uns am meisten nottut, die Erkenninis der unabweisbaren Notwendigkeit einer eigenen Heimat, würde eine Anzahl tatkräftiger, ehrenfester und hochgestellter Volksfireunde unter uns erwecken, die vereint die Führung ihres Volkes übernehmen und vielleicht nicht minder wie jener Einzige, uns von Schmach und Verfolgung zu erlösen im stande wären.

Was sollen wir zunächst tun, wie den Anfang machen?

Wir glauben, der Keim zu diesem Anfangeist bereits gegeben: er findet sich in den bereits bestehenden Allianzen. Ihnen steht es zu, sie sind berufen und verpflichtet, den Grundstein zu legen zu jenem Leuchtturm, auf den unsere Augen gerichtet sein werden. Freilich müssten diese Allianzen, wenn sie ihrer neuen grossen Aufgabe gewachsen sein sollen, von Grund aus metamorphosirt werden. Sie müssen einen Nationalkongress ausschreiben, dessen Zentrum sie selbst bilden sollen. Lehnen sie ‚diese Funktion jedoch ab und glauben sie über den Rahmen ihrer bisherigen Tätigkeit nicht hinaus­gehen zu können, dann müssen sie zum mindesten aus sich ein besonderes nationales Institut, sagen wir ein Direktorium bilden, das jene uns fehlende Einheit zu vertreten hätte, ohne welche ein Gedeihen unserer Bestrebungen nicht denkbar ist. Als Vertreter unserer nationalen Interessen müsste dieses Institut aus den Spitzen unseres Volkes zusammengesetzt werden und die Leitung unserer allgemeinen nationalen Angelegenheiten mit Energie in die Hand nehmen. Unsere grössten und besten Kräfte Männer der Finanz, der Wissenschaft und der Praxis, Staats­männer und Publizisten müssten ‚einmütig sich die Hände reichen, um nach dem gemeinsamen Ziele zu steuern. Dieses würde hauptsächlich und zunächst darin bestehen, dem Ub er­schusse der in den verschiedenen Ländern als Proletarier