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Autoemanzipation : Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden / Leo Pinsker. Mit einem Vorw. v. M. T. Schnirer
Entstehung
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Das uralte Problem der Judenfrage setzt wie vor Zeiten so auch heute noch die Gemüter in Erregung. Ungelöst, wie die Quadratur des Zirkels, bleibt es, ungleich dieser, immer noch die orennende Frage des Tages. Der Grund hiefür liegt darin, dass jenes Problem kein bloss theoretisches Interesse darbietet, sondern sich im wirklichen Leben gleichsam von Tag zu Tag verjüngt und immer gebieterischer zur Entscheidung hindrängt.

Nach unserer Auffassung besteht der Kernpunkt des Pro= blems im folgenden:

Die Juden bilden im Schosse der Völker, unter denen sie leben, tatsächlich, ein heterogenes Element, welches von keiner Nation assimilirt zu werden vermag, demgemäss auch von keiner Nation gut vertragen werden kann.

Die Aufgabe besteht nun darin, ein Mittel zu finden, durch welches jenes exklusive Element dem Völkerverbande derart angepasst werde, dass der Judenfrage der Boden für immer entzogen sel.

Wir können. hierbei natürlich nicht an die Herstellung einer absoluten Harmonie denken. Eine solche hat wohl auch unter den übrigen Völkern niemals bestanden. Jener Messiastag, an welchem dieInternationale verschwinden und die Nationen in der Mensch­heit aufgehen werden, liegt noch in unsichtbarer Ferne. Bis dahin müssen die Wünsche und Ideale der Völker sich darauf be­schränken, einen erträglichen modus vivendi zu schaffen.

Auf den ewigen Weltfrieden wird man noch lange warten müssen: bis dahin aber werden sich die Beziehungen der Nationen zueinander durch ein bedingtes Einvernehmen leidlich gut reguliren lassen ein Einvernehmen, welches durch Völkerrecht, Verträge, besonders aber durch eine gewisse Ebenbürtigkeit der Stellung und der gegenseitigen Ansprüche sowie durch gegen­seitige Achtung hergestellt wird.

In den Beziehungen der Völker zu den Juden ist eine solche Ebenbürtigkeit der Stellung nicht zu erkennen. Man vermisst hier die Grundlage jener gegenseitigen Achtung, welche