Druckschrift 
Autoemanzipation : Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden / Leo Pinsker. Mit einem Vorw. v. M. T. Schnirer
Entstehung
Seite
30
Einzelbild herunterladen

jeder, der auch nur ein wenig Urteil hat, auf den ersten Blick einsehen.

Ob jedoch dieser-Akt unserer nationalen Selbsthilfe ein mehr oder weniger gutes Geschäft werden wird oder nicht, kommt wenig in Betracht gegenüber der hohen Bedeutung, die ein solches Unternehmen für die Zukunft unseres unsteten Volkes haben müsste. Denn unsicher und prekär wird unsere Zukunft in Ewigkeit bleiben, so lange in unserer Lage nicht ein radikaler Umschwung eintritt. Nicht die bürgerliche Gleichstellung der Juden in dem einen ‚oder andern Staate vermag diesen Umschwung herbei­zuführen, sondern einzig und allein die Autoemanzipation des jüdischen Volkes als Nation, die Gründung eines eigenen jüdischen Kolonistengemeinwesens, welches dereinst unsere ur­eigene, unveräusserliche Heimat, unser Vaterland werden soll.

An Einwänden gegen unsere Ausführungen wird es freilich nicht fehlen. Man wird uns vorhalten, dass wir die Rechnung ohne den Wirt machen. Welches Land wird uns die Erlaubnis dazu hergeben, dass wir uns innerhalb seiner Grenzen als Nation konstituiren? Auf den ersten Blick könnte freilich von diesem skeptischen Standpunkt aus unser Gebäude als ein Kartenhaus erscheinen, Kindern und Witzbolden zum Ergötzen. Wir glauben aber, dass nur gedankenlose Kindheit sich ergötzen könnte an dem Anblick von Schiffbrüchigen, die sich ein kleines Boot anfertigen wollen, um von einem ungastlichen Lande fortzugehen. Ja wir gehen sogar so weit, dass wir jenen ungastlichen Völkern selbst die sonderbare Zumutung. machen, uns bei unserem Rück­zuge beizustehen. UnsereFreunde würden uns mit demselben Vergnügen fortziehen sehen, mit welchem wir ihnen den Rücken kehren.

Natürlich wird die Gründung eines jüdischen Asyls ohne Unterstützung der Regierungen nicht zustande kommen können. Um diese zu erlangen und den Bestand unseres Asyls für immer zu sichern, werden die Schöpfer unserer nationalen Wiedergeburt mit Beharrlichkeit und Umsicht vorgehen müssen. Was wir erstreben, ist im Grunde weder neu, noch für irgend jemand gefährlich. Anstatt der vielen Asyle, die wir von jeher zu suchen gewohnt sind, wollen wir ein einziges Asyl haben, dessen Existenz aber auch politisch gesichert sein müsste.

Jetzt oder nie! sei unsere Losung. Wehe unsern Nach­kommen, wehe dem Andenken unserer jüdischen Zeitgenossen, wenn wir diesen Moment versäumen!