Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Goethe ; Theil 1
Entstehung
Seite
150
Einzelbild herunterladen

den Harfner absieht, sondern sein Studium sind eben die Leidenschaften gewesen. Dächte der Dichter nicht Seelenschmerz und Seelenkrankheit in naher Be­ziehung, so könnte er die Antithese Jarnos nicht zu­lassen.

Ueber die Behandlung Geisteskranker spricht aus­führlicher und weniger absprechend als Jarno der Land­geistliche, zu dem der Harfner gebracht worden ist. Er betrachtetdie Methode, Wahnsinnige zu curiren, als eine ihm zukommende Angelegenheit.Ausser dem Physischen, sagt der Geistliche, das uns oft un­überwindliche Schwierigkeiten in den Weg legt und worüber ich einen denkenden Arzt zu Rathe ziehe, finde ich die Mittel, vom Wahnsinne zu heilen, sehr einfach. Es sind dieselben, wodurch man gesunde Menschen hindert, wahnsinnig zu werden. Man er­rege ihre Selbstthätigkeit, man gewöhne sie an Ord­nung, man gebe ihnen einen Begriff, dass sie ihr Sein und Schicksal mit so vielen gemein haben, dass das ausserordentliche Talent, das grösste Glück und das höchste Unglück nur kleine Abweichungen vom Gewöhnlichen sind, so wird sich kein Wahnsinn ein­schleichen, und wenn er da ist, nach und nach wieder verschwinden. Wahrscheinlich kam es zu Goethes Zeiten bei der Mangelhaftigkeit der öffentlichen Heil­anstalten oft vor, dass Landgeistliche leidlich ruhige Geisteskranke in Pflege nahmen. Goethe mag solche Leute kennen lernen und ähnliche Reden wie die hier wiedergegebenen von ihnen gehört haben. Doch ist es mir nicht gelungen, einen geschichtlichen Anhalt