Goethe über die Behandlung Geisteskranker.,
zu finden. Anzuerkennen ist bei dem Geistlichen die|
humane Auffassung, die von barbarischen Mitteln nichts weiss. Bekanntlich war zu Goethes Zeit die Behandlung der Geisteskranken durch Zwang noch allgemein verbreitet. Man schnallte unruhige Kranke auf den Zwangstuhl, suchte sie wohl gar durch die Drehmaschine mürbe zu machen, oder legte ihnen doch zum mindesten die Zwangsjacke an. Bei widersetzlichem Verhalten kamen„Strafen“ zur Anwendung, kalte Begiessungen und anderes mehr. Jedoch war auch der offiziellen Irren- Behandlung ein humaner Geist damals nicht abzusprechen(vgl. S. 25 ff.). Man darf nicht vergessen, dass die uns jetzt erschreckenden Zwangsmaassregeln nur bei verhältnissmässig wenig Kranken und nur vorübergehend angewendet wurden, Die Art von Kranken, die ein Geistlicher in seinem Hause verpflegen konnte, fand auch in den meisten oder doch in vielen Anstalten eine milde Behandlung. Auch die Anschauung, dass man ruhigen Kranken durch solche Belehrungen nützen könne, wie sie der Geistliche empfiehlt, war damals weit verbreitet. Sogar unser modernstes Heil-Mittel, die Anregung der Kranken zu eigener Arbeit, wurde schon damals empfohlen, wie denn z. B. im Anfange des Jahrhunderts die Anstalt Sonnenstein*) bei Pirna, die 1811 eröffnet
*) In Pirna schreibt Goethe am 25.4. 1813 in das Tagebuch:„Der Sonnenstein gegenwärtig grosse Anstalt eines Irren-, Kranken- und Besserungshauses“. Auch im Briefe an Christine vom 21. 5. 1813 erwähnt er den Sonnenstein, seine grossen ummauerten Gärten, die Vortrefflichkeit der Anstalt und den geschickten Arzt„Biniz“.