Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Goethe ; Theil 1
Entstehung
Seite
178
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Der Lebenslauf,

heit das wichtigste Merkmal des Normalen, so ist an­dererseits die fieberhafte Erregung im Fühlen, Denken und Thun mit dem Charakter des Zwanges ein wohl­bekanntes pathologisches Bild. Gerade bei dem Zu­stande des jungen Goethe ist die wenigstens formale Aehnlichkeit zwischen dem Aufblühen des genialen Geistes und der maniakalischen Erregung oder Hypo­manie unverkennbar. Lerse drückte das populär aus, wenn er später erzählte, er habe gefürchtet, Goethe werde überschnappen. Sehr ausgeprägt war bei Goethe die Zornmüthigkeit. Schon der Jüngling schreibt von sich:O sähest du den Elenden, wie er rast, aber nicht weiss, gegen wen er rasen soll, du würdest jammern... Wie könnte ein Toller vernünftig werden? Das bin ich. Ketten an diese Hände. Da wüsst ich doch, worein ich beissen sollte Die Zeitgenossen erzählen, wie der junge Goethe seine Wuth ausgelassen habe mit Zerschlagen der Bilder an der Tischecke, mit Zerschiessen der Bücher u. s. w. Er habe sich bei Ver­kehrtheiten nicht erwehren können, mit einem Ingrimm zu rufen: das soll nicht aufkommen; und so habe er irgend eine Handlung üben müssen, um seinen Muth zu kühlen. Lavater schreibt an Zimmermann:Das sind mir Hunde! hör ich Goethen stampfend rufen.*) Be­

*) Wenn die Schilderung Senckenbergs den Thatsachen ent­spricht, ist man in Goethes Familie gelegentlich recht heftig ge­worden. 5, erzählt, der Rath Goethe und sein Schwiegervater seien in Streit gerathen. Jener habe diesem vorgeworfen, er habe die Stadt an die Franzosen verrathen.Textor warf ein Messer nach ihm, Goethe zog den Degen.