Goethes Zornmüthigkeit.
kanntlich werden auch aus Goethes späterem Leben heftige Zornesausbrüche gemeldet.*)
Zu dem geistigen Fieber traten Symptome hinzu, die dem Dichter selbst später als entschieden pathologisch erschienen. Goethe fühlte Ekel vor dem Leben und trug sich mit Selbstmordgedanken. Zu Eckermann sagte der alte Goethe, er habe Werthers Leiden nur Einmal wieder gelesen.„Es sind lauter Brand
Goethe sagt dagegen in Wahrheit und Dichtung von seinem Grossvater:„Er sprach wenig, zeigte keine Spur von Heftigkeit, ich erinnere mich nicht, ihn zornig gesehen zu haben.“ Vielleicht darf man hier von grosser Selbstbeherrschung reden.
*) Abgesehen von den heftigen Ausbrüchen des Zornes scheint Goethe zuweilen ganz eigenthümliche kurze Zustände von Erregung gezeigt zu haben. Einen solchen beschreibt Prof, Kieser in einem Briefe an Luise Seidler(12. December 1813): „Um 6 Uhr ging ich zu Goethe. Ich fand ihn allein, wunderbar aufgeregt, glühend ganz wie im Kügelgen’schen Bilde. Ich war zwei Stunden bei ihm, und ich habe ihn zum ersten Male nicht verstanden. Mit dem engsten confidentiellen Zutrauen theilte er mir grosse Pläne mit und forderte mich zur Mitwirkung auf, Ich glaubte, es sei die Zeit nach Tische, aber es gab kein Tröpfchen und dennoch wurde er immer lebendiger. Ich war zu müde, um mich in dieselbe Stimmung zu versetzen; so habe ich mich endlich ordentlich losgerissen. Ich fürchtete mich beinahe vor ihm; er erschien mir, wie ich mir als Kind die goldenen Drachen der chinesischen Kaiser dachte, die nur die Majestät tragen können. Ich sah ihn nie so furchtbar heftig, gewaltig, grollend; sein Auge glühte, oft mangelten die Worte und dann schwoll sein Gesicht und die Augen glühten und die ganze Gesticulation musste dann das fehlende Wort ersetzen... Er sprach über sein Leben, seine Thaten, seinen Werth mit einer Offenheit und Bestimmtheit, die ich nicht begriff.“
Will man nicht doch an Alkohol denken, so ist das von Kieser entworfene Bild merkwürdig genug.