Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Goethe ; Theil 1
Entstehung
Seite
180
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Der Lebenslauf,

raketen! Es wird mir unheimlich dabei, und ich fürchte den pathologischen Zustand wieder durchzuempfinden,

aus dem es[das Buch] hervorging. Und an Zelter schreibt er:Ueber die That oder Unthat selbst[den Selbstmord des Stiefsohnes Zelters] weiss ich nichts zu sagen. Wenn das Taedium vitae den Menschen er­greift, so ist er nur zu bedauern, nicht zu schelten. Dass alle Symptome dieser wunderlichen, so natür­lichen als unnatürlichen Krankheit auch einmal mein Innerstes durchrast haben, daran lässt Werther wohl niemand zweifeln. Ich weiss recht gut, was es mich für Entschlüsse und Anstrengungen kostete, damals den Wellen des Todes zu entkommen, so wie ich mich aus manchem spätern Schiffbruch auch mühsam rettete und erholte. Am ausführlichsten aber spricht er über die Wertherstimmung in Wahrheit und Dich­tung.Jener Ekel vor dem Leben[d. h. Selbstmord­neigung ohne Noth] hat seine physischen und seine sittlichen Ursachen: jene wollen wir dem Arzt, diese dem Moralisten zu erforschen überlassen und bei einer so oft durchgearbeiteten Materie nur den Hauptpunkt beachten, wo sich jene Erscheinung am Deutlichsten ausspricht. Er setzt nun auseinander, das Behagen am Leben beruhe eigentlich auf der periodischen Wiederkehr der Dinge, werde der Wechsel der Tages­und Jahreszeiten u. s. w. einem zuwider,dann tritt das größte Uebel, die schwerste Krankheit ein; man betrachtet das Leben als eine ekelhafte Last. Als Ursachen dieses Ueberdrusses nennt Goethe die Wieder­kehr der Liebe, als wodurch dieser das Merkmal des