Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Goethe ; Theil 1
Entstehung
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so mehr hängt man am Leben. Das Taedium vitae der Alterskrankheit Melancholie hat mit dem hier be­sprochenen Taedium vitae nichts gemein, dieses ist ein Merkmal der Lebensfülle, jenes ist der Ausdruck des Zusammenbruches der persönlichen Lebenskraft. Bleibt der alte Mensch von der Melancholie verschont, so ist er seinem Gefühle nach kein Pessimist. Der alte Koheleth war trotz seinesAlles ist ganz eitel im Grunde ein Epikuräer. Der alte Schopen­hauer war es in gewissem Sinne auch. Man wird den Lebensüberdruss der Jugend psychologisch nicht voll­ständig erklären können. Es steckt etwas Organisches darin. Das fühlt ja auch Goethe, der das Physische bei der Sache dem Arzte überlassen will. Wenn nur der Arzt etwas Rechtes wüßte! Das Thatsächliche ist, dass hervorragende Menschen nicht selten in ihrer Jugend eine Zeit des Lebensüberdrusses durchzu­machen haben und dass, wenn der Selbstmord ver­mieden wird, diese Stimmung später von selbst auf­hört. Daraus, dass die Sache unter den verschieden­sten Lebensverhältnissen im wesentlichen dieselbe ist, kann man darauf schliessen, dass ihre Ursache im Menschen selbst liegt, daraus, dass sie beim Durch­schnittsmenschen fehlt, darauf, dass sie in innerer Be­ziehung zu der einseitigen Gehirnentwickelung steht, ein Theil der Abnormität ist, die das Genie darstellt, sozusagen die ihm eigene Jugendkrankheit.

Die widerwärtige und dumme Lehre, dass die Hauptsache für den Menschen dasMilieu sei, ist natürlich Goethe fremd, trotzdem scheint er mir den

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