so mehr hängt man am Leben. Das Taedium vitae der Alterskrankheit Melancholie hat mit dem hier besprochenen Taedium vitae nichts gemein, dieses ist ein Merkmal der Lebensfülle, jenes ist der Ausdruck des Zusammenbruches der persönlichen Lebenskraft. Bleibt der alte Mensch von der Melancholie verschont, so ist er seinem Gefühle nach kein Pessimist. Der alte Koheleth war trotz seines„Alles ist ganz eitel“ im Grunde ein Epikuräer. Der alte Schopenhauer war es in gewissem Sinne auch. Man wird den Lebensüberdruss der Jugend psychologisch nicht vollständig erklären können. Es steckt etwas Organisches darin. Das fühlt ja auch Goethe, der das Physische bei der Sache dem Arzte überlassen will. Wenn nur der Arzt etwas Rechtes wüßte! Das Thatsächliche ist, dass hervorragende Menschen nicht selten in ihrer Jugend eine Zeit des Lebensüberdrusses durchzumachen haben und dass, wenn der Selbstmord vermieden wird, diese Stimmung später von selbst aufhört. Daraus, dass die Sache unter den verschiedensten Lebensverhältnissen im wesentlichen dieselbe ist, kann man darauf schliessen, dass ihre Ursache im Menschen selbst liegt, daraus, dass sie beim Durchschnittsmenschen fehlt, darauf, dass sie in innerer Beziehung zu der einseitigen Gehirnentwickelung steht, ein Theil der Abnormität ist, die das Genie darstellt, sozusagen die ihm eigene Jugendkrankheit.
Die widerwärtige und dumme Lehre, dass die Hauptsache für den Menschen das„Milieu“ sei, ist natürlich Goethe fremd, trotzdem scheint er mir den
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