Der Lebenslauf.
zufälligen Umständen zuviel Gewicht beizulegen. Fast an jedem Orte und zu jeder Zeit werden sich Umstände auffinden lassen, die man zu Ursachen des Lebensüberdrusses machen kann. In unserer Zeit könnten z. B. die materialistische Weltauffassung, die politisch-sociale Zerrissenheit, die Ueberfüllung vieler Berufe, die Strenge der Prüfungen und vieles andere angeschuldigt werden. In den alten Zeiten konnten die Kriegsnöthe, der harte Druck der Herrschaft, die religiösen Verfolgungen dieselbe Rolle spielen u. s. f. Das Wesentliche ist eben das, dass der normale Mensch in guten und in schlechten Zeiten am Leben festhält, dass die erste Bedingung des Taedium vitae in des Menschen Innerem, in einer mitgebrachten abnormen Beschaffenheit liegt. Alle von Goethe betonten Umstände sind nur Gelegenheitursachen. Der Einfluss der englischen Literatur war doch vielfältig. Goethe selbst sagte später, dass Goldsmith und Sterne gerade im Hauptpunkte der Entwickelung durch hohe wohlwollende Ironie, Billigkeit und Sanftmuth bei allem Wechsel ihn aufs löblichste erzogen haben. Gewiss haben Hamlet und Ossian die ihnen zugeschriebene Bedeutung gehabt, aber dafür haben wir unsere pessimistische Literatur. Das bürgerliche Leben ist in gewissem Sinne immer langweilig. Dafür, dass in Goethes Jugendzeit seine Bedingungen besonders drückend gewesen wären, liegt gar kein Beweis vor. Im Gegentheile war es eigentlich eine heitere, freundliche, hoffnungsfreudige Zeit, in der die Gegensätze mehr als sonst gemildert waren, und jedem Tüchtigen der Weg