Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Goethe ; Theil 1
Entstehung
Seite
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Der Lebenslauf.

zufälligen Umständen zuviel Gewicht beizulegen. Fast an jedem Orte und zu jeder Zeit werden sich Um­stände auffinden lassen, die man zu Ursachen des Lebensüberdrusses machen kann. In unserer Zeit könnten z. B. die materialistische Weltauffassung, die politisch-sociale Zerrissenheit, die Ueberfüllung vieler Berufe, die Strenge der Prüfungen und vieles andere angeschuldigt werden. In den alten Zeiten konnten die Kriegsnöthe, der harte Druck der Herrschaft, die religiösen Verfolgungen dieselbe Rolle spielen u. s. f. Das Wesentliche ist eben das, dass der normale Mensch in guten und in schlechten Zeiten am Leben festhält, dass die erste Bedingung des Taedium vitae in des Menschen Innerem, in einer mitgebrachten abnormen Beschaffenheit liegt. Alle von Goethe betonten Um­stände sind nur Gelegenheitursachen. Der Einfluss der englischen Literatur war doch vielfältig. Goethe selbst sagte später, dass Goldsmith und Sterne gerade im Hauptpunkte der Entwickelung durch hohe wohl­wollende Ironie, Billigkeit und Sanftmuth bei allem Wechsel ihn aufs löblichste erzogen haben. Gewiss haben Hamlet und Ossian die ihnen zugeschriebene Bedeutung gehabt, aber dafür haben wir unsere pessi­mistische Literatur. Das bürgerliche Leben ist in ge­wissem Sinne immer langweilig. Dafür, dass in Goethes Jugendzeit seine Bedingungen besonders drückend ge­wesen wären, liegt gar kein Beweis vor. Im Gegen­theile war es eigentlich eine heitere, freundliche, hoff­nungsfreudige Zeit, in der die Gegensätze mehr als sonst gemildert waren, und jedem Tüchtigen der Weg