Goethes Lebensüberdruss ist nicht motivirt.
offen stand. Goethe erkennt dies ja an andern Orten ausdrücklich an. Niemand ahnte damals die Unmasse des Hasses, die Widerwärtigkeit des politischen Treibens in unserer Zeit.
Aber auch die von Bielschowsky herangezogenen persönlichen Verhältnisse Goethes scheinen mir hier nicht in Betracht zu kommen. Die häuslichen Spannungen nahm Goethe offenbar nicht allzu ernst; die Zukunft eines Frankfurter Rechtsanwaltes mochte ihn nicht locken, aber er war ja nicht gebunden; von Unbefriedigung in seinen künstlerischen Bestrebungen kann man am Beginne der Laufbahn nicht reden. Die einzige stichhaltige Gelegenheitursache scheint die hoffnungslose Neigung zu Lotten zu sein. Jedoch Goethe selbst nennt sie, sowohl wenn er von sich, wie wenn er von Werther spricht, nur als eins unter anderen.” Mit den Faustgefühlen hat es ja seine Richtigkeit, aber sie sind Symptom, nicht Ursache.
Etwas auffallend ist es, dass sich in den Briefen aus der Jugendzeit die pessimistischen Gedanken und der Lebensüberdruss viel weniger bemerklich machen, als bei der retrospectiven Betrachtung. Abgesehen von der Erwähnung der„hängerlichen Gedanken“ auf dem Canape& kommt eigentlich nur eine Stelle aus einem
*) Als Goethe das Schema zu seiner Biographie entwarf, schrieb er sich Stichworte auf. Am 23. 3. heisst es im Tagebuche:„Abschied von Wetzlar, Reise nach Coblenz.“ Am 24.3.: „Frl. v. Klettenberg. Krankheit. Herrnhuter.“ Am 14. 4.:„Taedium vitae.“ Der Name Lotte wird überhaupt gar nicht genannt.