Der Lebenslauf.
Briefe an Kestner in Betracht:„Werther muss— muss sein!— Ihr fühlt ihn nicht, ihr fühlt nur mich und euch, und was ihr angeklebt heisst— und trutz euch— und anderen— eingewoben ist— Wenn
ich noch lebe, so bist du’s, dem ich’s danke, bist also nicht Albert— Und also—“ Man muss wohl annehmen, dass der junge Goethe seine Verstimmung mit richtigem Gefühle geheim gehalten habe, und dass es sich nicht um eine dauernde Verstimmung gehandelt habe, sondern um Anfälle von Missmuth, zwischen denen alle anderen Stimmungen Platz hatten. Auf jeden Fall kann man gegenüber den bestimmten Erklärungen Goethes aus späterer Zeit an der Existenz des Taedium vitae nicht zweifeln. In Erinnerung an den Kaiser Otho wählte Goethe einen scharfen Dolch aus, und er versuchte vor dem Einschlafen, ob er die Willenskraft habe, ihn langsam in die Brust einzusenken. Wie oft er es gethan hat, sagt er nicht.„Da dieses aber niemals gelingen wollte, so lachte ich mich zuletzt selbst aus, warf alle hypochondrischen Fratzen hinweg und beschloss zu leben.“ Bekanntlich sieht Goethe in dem Niederschreiben des Werther, den er nach langer innerer Vorbereitung in vier Wochen„ziemlich unbewusst, einem Nachtwandler ähnlich“ abgefasst hat, die endgültige Katharsis von Pessimismus und Taedium vitae. Das ist gewiss ebenso richtig wie das, dass Goethe im Werther einen Höhepunkt seines dichterischen Schaffens erreicht hat, dass das ergreifendste Geschenk seiner Muse eben aus der krankhaften Verstimmung heraus gegeben wurde,