Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Goethe ; Theil 1
Entstehung
Seite
188
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A

Der Lebenslauf.

und reichlichsten trat sie[die Ausübung der Dichter­gabe] unwillkürlich, ja wider Willen hervor. Man könnte also von einemZwangsdichten sprechen. Beim Erwachen in der Nacht fiel ihm ein Liedchen ein, und um es nicht wieder zu verlieren, rannte er an den Pult und schrieb, ohne nur den Bogen gerade zu rücken, das Gedicht von Anfang zu Ende in der

Diagonale herunter.In eben diesem Sinne griff ich

weit lieber zu dem Bleistift, welcher williger die Züge hergab: denn es war mir einigemal begegnet, dass das Schnarren und Spritzen der Feder mich aus meinem nachtwandlerischen Dichten aufweckte, mich zerstreute, und ein kleines Product in der Geburt erstickte. Scherzend fügt Goethe hinzu, er habe für solche Poesieen besondere Ehrfurcht gehabt, weil er sich zu ihnen ver­halten habe, wie die Henne zu den ausgebrüteten Küchlein. Schopenhauer sagt, im Traume seien wir alle grosse Dichter, und umgekehrt kann man sagen, der wirklich grosse Dichter träume dichtend im Wachen. Es ist ersichtlich, dass nahe Beziehungen zwischen diesem Zustande und dem hypnotischen bestehen, dass Goethes Ausdrucknachtwandlerisch eine Wahr­heit ausdrückt, die noch über seine Absicht hinaus­reicht.*)

*)Da ich dieses Werklein[Wilhelm Meister], sowie meine übrigen Sachen, als Nachtwandler geschrieben(an Knebel, 16. 3. 1814).

Dazu ist auch Boisserges Mittheilung(1815) zu vergleichen: Er machte mir die Confession, dass ihm die Gedichte auf ein­mal und ganz in den Sinn kämen, wenn sie recht wären; dann