Die zwei Seelen.
Das Gebiet des Pathologischen wird auch bei der Lehre von den zwei Seelen betreten. Der Ausdruck, der von Wieland oder eigentlich vom Apostel Paulus herstammt, ist durch Goethe eingeführt worden und an sich hat er bei ihm gedacht. Er selbst ist Faust und Mephistopheles zugleich, Erregung und Kritik zugleich. Sehr gut schildert Hermann Grimm dieses Grundlebensfactum(wie er sich ausdrückt).„Soviel wir wissen, hat Goethe niemals etwas erlebt, das ihn vollständig hingenommen hätte. Und wenn er aufs Leidenschaftlichste erregt scheint, es bleibt ihm stets die Kraft übrig, sich im Momente selbst zu kritisiren, Erlebniss und nachfolgende Reflexion muss bei ihm stets unterschieden werden. Wenn Goethe an Frau von Stein schreibt, getrennt von ihr, einsam, die Feder in der Hand, empfindet er heftiger als neben ihr. Erst indem er reflectirt, kommt die volle Leidenschaft zum Ausbruch. Wir haben gesehen, wie sein Verhältniss zu Lotte erst dann verständlich wird, wenn wir all seine Leidenschaft in die Stunden verlegen, wo er nicht bei ihr ist.“ Wenn jemand im Stande ist, sich jederzeit selbst zu beobachten, so ist er einerseits sehr zum „Seelenmaler“ geeignet, andrerseits aber nicht normal. Der natürliche Mensch ist bei seinen Hauptangelegenheiten„mit ganzer Seele“, er giebt sich hin. Die andauernde Kritik entspricht einer Hypertrophie des
müsse er sie aber gleich aufschreiben, sonst finde er sie nie wieder.“ Auch ändere er selten etwas. Er habe über Alles Gedichte gemacht, Aerger und Kummer über tägliche Dinge, Politik u. a. sich durch Gedichte vom Halse geschafft(Sedes pP-)