Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Goethe ; Theil 1
Entstehung
Seite
190
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Der Lebenslauf,

Denkens und gehört zur Nervosität. Ich habe nervöse

Leute gekannt, die sich in der Brautnacht scharf be­

obachtet hatten und geneigt waren, gerade im Mo­mente grösster Erregung Betrachtungen anzustellen, die beim Tode der nächsten Verwandten neugierig auf ihre Empfindungen waren. Dem Gesunden ist so etwas geradezu unheimlich, er fühlt, dass das nicht mit rechten Dingen zugeht.In jede Gesellschaft be­gleitete ihn Mephisto, bei jedem Buche las er, ihm über die Schulter sehend, mit. Jeder höherstehende Mensch wird etwas wissen von der Spaltung seiner Persönlichkeit in das Positive, Thätige, und das Nega­tive, Kritische, aber normal ist die Spaltung nicht: Höherstehen und Pathologischsein gehören zusammen.

In der Zeit der Erregung war Goethes Innere aus­gereift. Die krankhafte Erregung war unentbehrlich zur schönsten Entwickelung; der Dichter musste, um das ihm gesteckte Ziel zu erreichen, wie die Liebenden in der Zauberflöte, durch Feuer und durch Wasser gehen. Aus dem Ueberdrusse gelangte er zu be­wusster Lebensfreude, liebte das Leben im Guten und im Bösen wegen des Glückes, das die Thätigkeit ge­währt. Das schweifende Verlangen wich der Selbst­beherrschung und der Entsagung. Zu Eckermann sagte der Greis:Die Hauptsache ist, man lerne sich selbst beherrschen. Wollte ich mich ungehindert gehen lassen, so läge es wohl in mir, mich selbst und meine Umgebung zu Grunde zu richten. Die dunkeln Mächte waren vorläufig besiegt, aber sie waren natür­lich noch vorhanden, und Goethe mag noch manchen