Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Goethe ; Theil 1
Entstehung
Seite
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Günstige Entwickelung in Weimar.

Kampf bestanden haben, wie er denn auf die wieder­holte Wiederherstellung seiner Existenz aus sittlichem Schutte mehrfach hindeutet. Dass dieser Ausdruck etwas hyperbolisch sei, dürfen wir wohl annehmen, und sicher ist, dass soweit unsere Kenntniss reicht, der Mann Goethe uns jederzeit als fest und klar er­scheint, auch in den Zeiten der Erregung.

Die fortschreitende Ernüchterung, Vertiefung und Ausweitung des Dichtergeistes während des ersten Weimarischen Aufenthaltes schildert z. B. eingehend und trotz gewisser formeller Schwierigkeiten vortreff­lich Schöll in seinem Aufsatze über Goethe als Staats­und Geschäftsmann. Dazu kam der Einfluss der Frau von Stein. In dieser sah er damals den Engel, der ihn zu den Gefilden des inneren Friedens führen sollte. Das, was ihn in diesem, wie im Umgange mit Weibern überhaupt förderte, war wohl weniger die weibliche Thätigkeit als sein eigenes Thun, das aber nach seiner Eigenart eines weiblichen Objectes bedurfte. Dieses Thun, die Arbeit am Herzog und am Staat und die Naturbetrachtung waren die wichtigsten Förderer seiner Entwickelung. Man muss anerkennen, dass die äusseren Bedingungen ausserordentlich günstig waren, die Haupt­sache bleibt aber doch die dem Individuum Goethe eigene Entwickelung aus inneren Gesetzen. Gewiss kann die Rose ohne Sonne und Regen nicht blühen, aber die Rosen entfalten sich doch nur auf einem Rosenstrauche.

In Goethes Mannesalter erscheint zunächst das Pathologische als gering. Seine Leidenschaftlichkeit