Der Lebenslauf.
bleibt zwar und führt gelegentlich zu Ausbrüchen, aber sie herrscht nicht. Für uns ist die Leichtigkeit, mit der auch der Mann Goethe weint, recht auffallend. Beim Nachdenken über Wilhelm Meister z. B. weint Goethe„bitterlich“, über den 5. Act der Iphigenie weint er„wie ein Kind“. Zu Caroline Herder sagte er, er habe vierzehn Tage vor der Abreise aus Rom täglich wie ein Kind geweint. Nun ist die Neigung zum Weinen nicht Goethe allein, sondern vielen seiner Zeitgenossen eigen. Ich muss gestehen, dass ich diese Thatsache nicht recht verstehe. Das Weinen ist doch nicht eine Sache des Willens, und kann doch nicht von der Mode abhängen. Wie kommt es, dass vor 100 Jahren Männer bei Gelegenheiten weinten, bei denen jetzt auch der Weichmüthigste keine Thräne
vergiesst?*) Indessen ist Goethes Neigung zum Weinen
auch seinen Zeitgenossen gegenüber auffallend ausgeprägt.
Jedoch ist Goethe recht viel krank gewesen. Im Jahre 1780 machte er eine schwere Influenza durch. Später handelte es sich theils um Erkältungskrankheiten, theils um Nierenkoliken. Besonders in den ersten Monaten des Jahres 1805 waren die Anfälle der Nierenkolik heftig und häufig, sodass im Februar der Arzt höchst bedenklich war. Im Jahre 1801 hatte Goethe angeblich eine„Blatter-Rose“, eine fieberhafte Infectionkrankheit mit beträchtlichen Gehirnstörungen, die ihn
*) Manche Kritiker meinen, meine Erörterung sei überflüssig. Sie sollen es mit dem Weinen doch einmal versuchen.