Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Goethe ; Theil 1
Entstehung
Seite
198
Einzelbild herunterladen

Der Lebenslauf.

dürfen, vielmehr scheint Goethes Ansicht über den Zusammenhang ganz zutreffend zu sein. Wir sehen hier wieder, wie mächtig Gemüthsbewegungen auf Goethe wirkten, und verstehen seine Angst vor trau­

rigen Nachrichten und traurigen Eindrücken überhaupt. Andererseits bewundern wir die Stärke seiner Natur und seines Willens, durch die er trotz aller Erschütte­rungen aufrecht, arbeitkräftig und heiter blieb. Er hat viel durchmachen müssen: Der Tod der Eltern ist ja das Natürliche, der frühe Tod der Schwester aber war schmerzlich, mehrere Kinder musste er früh be­graben, die Frau starb ihm früh und auf grausame Weise, die jüngeren Freunde, Schiller und der Gross­herzog, wurden ihm entrissen, Leben und Tod des Sohnes brachten ihm Leiden.Vorwärts über Gräber! schrieb er an Zelter.

Bei dem Greise Goethe treten manche Eigen­schaften hervor, die der junge Goethe mit einer ge­wissen Verwunderung am eigenen Vater bemerkt hatte: die Neigung zu lehrhaften Gesprächen, eine gewisse pädagogische Hartnäckigkeit, der Sammeleifer, ein et­was übertrieben steifes, würdevolles Wesen. Das letztere betrachtete Goethe selbst als Maske, die er willkürlich vornehme. Aber es steckte offenbar tiefer, als er selbst meinte, Ueber die letzten Jahre hat Vogel eingehende Mittheilungen gemacht. Er nennt von Ge­brechen des Alters: Steifheit der Glieder, Mangel an Gedächtniss für die nächste Vergangenheit, zuweilen beobachtete Unfähigkeit, das Gegebene in jedem Augen­blicke mit Klarheit schnell zu übersehen, Schwerhörig­