Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Goethe ; Theil 1
Entstehung
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Der Lebenslauf.

dass er höchst reizbar bei Unordnung in seinem Zim­mer war, z. B. es nicht duldete, wenn ein Buch auf dem Tische schief lag, dass er es nicht leiden konnte, wenn ein Anderer das Licht putzte,

Auf diese Weise zahlte Goethe dem Alter seinen Zoll. Aber wenn man von diesen kleinen Zügen ab­sieht, ist Goethes Greisenalter der glänzendste Beweis für die ungeheure Stärke seiner Natur. Niemals em­pfindet man so deutlich, welche Fülle des Lebens in diesem Manne lag, als wenn man die unermüdliche Arbeit, den unersättlichen Lerneifer des klaren und heiteren Greises betrachtet. Er war ein Mensch und musste alt werden, musste deshalb die geistige Zeu­gungskraft verlieren und an Gedanke und Wort eben­so das Alter erkennen lassen wie an Haut und Haar, aber trotz alledem brannte in dem Greise ein Feuer, um das ihn jeder Jüngling beneiden könnte. Goethes Faust ist schlechtweg ein Wunder. Der Urfaust stammt aus der Zeit der Gärung; leidenschaftliche Er­regung beherrscht ihn, pessimistische Neigungen, un­gestümer Wissensdrang in den ersten Scenen, höchste Poesie in den Gretchen-Scenen. Dem Urfaust verdankt der spätere Faust seine Macht über die Geister, durch ihn wird das Stück zum Führer und zum Ideal der Jugend. Erreichen auch die Theile des Faust, die der reife Mann und dann der Greis Goethe geschrieben hat, die hinreissende Gewalt des Jugend-Faustes nicht, so gehören sie doch zu dem Schönsten, was der Menschengeist hervorgebracht hat. Gerade die Bei­träge des Greisenalters sind zum grössten Theile un­