Der Lebenslauf.
dass er höchst reizbar bei Unordnung in seinem Zimmer war, z. B. es nicht duldete, wenn ein Buch auf dem Tische schief lag, dass er es nicht leiden konnte, wenn ein Anderer das Licht putzte,
Auf diese Weise zahlte Goethe dem Alter seinen Zoll. Aber wenn man von diesen kleinen Zügen absieht, ist Goethes Greisenalter der glänzendste Beweis für die ungeheure Stärke seiner Natur. Niemals empfindet man so deutlich, welche Fülle des Lebens in diesem Manne lag, als wenn man die unermüdliche Arbeit, den unersättlichen Lerneifer des klaren und heiteren Greises betrachtet. Er war ein Mensch und musste alt werden, musste deshalb die geistige Zeugungskraft verlieren und an Gedanke und Wort ebenso das Alter erkennen lassen wie an Haut und Haar, aber trotz alledem brannte in dem Greise ein Feuer, um das ihn jeder Jüngling beneiden könnte. Goethes Faust ist schlechtweg ein Wunder. Der Urfaust stammt aus der Zeit der Gärung; leidenschaftliche Erregung beherrscht ihn, pessimistische Neigungen, ungestümer Wissensdrang in den ersten Scenen, höchste Poesie in den Gretchen-Scenen. Dem Urfaust verdankt der spätere Faust seine Macht über die Geister, durch ihn wird das Stück zum Führer und zum Ideal der Jugend. Erreichen auch die Theile des Faust, die der reife Mann und dann der Greis Goethe geschrieben hat, die hinreissende Gewalt des Jugend-Faustes nicht, so gehören sie doch zu dem Schönsten, was der Menschengeist hervorgebracht hat. Gerade die Beiträge des Greisenalters sind zum grössten Theile un