Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Goethe ; Theil 1
Entstehung
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Die letzte Krankheit.

schätzbar durch die vollendete Form einerseits, durch Weisheit und Frömmigkeit andererseits. Wann hat ein achtzigjähriger Mann so etwas geschrieben? Psy­chologisch genommen muss die Verwunderung über die Leistungen des Greises fast noch grösser sein als über die des Jünglings.

In unablässigem Arbeiten und Lernen überraschte Goethen der Tod. Am 15. März 1832 zog er sich eine Erkältung zu. Am 16. fand ihn Dr. Vogeleiniger­maassen verstört, er wurde durch die Mattigkeit und Trägheit der sonst immer hellen und raschbewegten Augen betroffen. Der Arzt meldete der Grossherzogin, Goethe leide an einem Katarrhalfieber, und das Ganze sei etwas bedenklich. Jedoch befand sich der Patient in den nächsten Tagen viel besser. Goethe pries in einem launigen Sermon den Goldschwefel, der ihm sehr wohl gethan habe. Aber in der Nacht vom 19. auf den 20. März trat ein Anfall von Angina pectoris ein: Schmerz in der Brust, Athemnoth, heftige Angst. Als am Morgen der Arzt gerufen wurde, war der Kranke in grosser Unruhe, die Angst trieb ihn in jagender Hast bald ins Bett, bald auf den Lehnstuhl, die Zähne klapperten vor Frost, der Schmerz zwang zum Stöhnen und Schreien, die Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz aschgrau, die Augen tief einge­sunken, trübe, der Blick drückte die grässlichste Todes­angst aus, der ganze Körper triefte von Schweiss, der schnelle härtliche Puls war so rasch, dass er kaum gezählt werden konnte. Nach 1*/, Stunde trat Er­leichterung ein. Nach diesem Anfalle hat Goethe nicht