Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1904) Schopenhauer
Entstehung
Seite
17
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Schopenhauers Mutter.

Schopenhauer war 58 Jahre alt) kommt krankhafte Verstimmung mit Selbstmordneigung vor.

Die Mutter Schopenhauers war die Tochter des Kaufmanns Trosiener, den sie als klugen und guten, heiteren, aber jähzornigen Mann beschreibt. Er habe wenig Schulbildung gehabt, habe sich aber durch weite Reisen Kenntnisse, Erfahrung, geistige und körperliche Gewandtheit erworben und sei zu grossem Ansehen gelangt. Ihre Mutter, fährt Johanna fort, sei ein kleines zierliches Figürchen gewesen mit kleinen Händen und Füssen, grossen, blauen Augen und langem, braunem Haar, sanftmüthig, freundlich und reich an Mutterwitz. Ueber Johanna selbst sind wir sehr gut unterrichtet, da sie Memoiren hinterlassen hat, Reisebeschreibungen, Romane, die Biographie Fernows u. A., da Briefe von ihr und über sie, Mittheilungen Anderer über sie reich­lich vorhanden sind. Trotzdem schwankt das Urtheil über sie. Höchst anerkennende Beurtheilungen wechseln mit höchst abfälligen. Zu den abfälligen gehören die wenig begründeten Bemerkungen A. Feuerbachs und als neuestes Urtheil die Darstellung Grisebachs. Dieser erkennt zwar ihre ungewöhnliche schriftstellerische Be­gabung an, nennt sie aber eine leichtsinnige, oberfläch­liche, herzlose, optimistische Natur. Ich meine doch, das ist zu hart gesprochen. Es scheint allerdings der Johanna das gefehlt zu haben, was wir Gemüth nennen. Sie war eine kühle Natur, aber sie war doch gutartig. Es war ihr nicht möglich, warm zu lieben, aber sie war wohlwollend, gerecht, ihrer Pflicht und ihren Freunden treu, immer freundlich und heiter. Das ist

Möbius, Werke IV. 2