Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1904) Schopenhauer
Entstehung
Seite
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Schopenhauers Person.

glich zeitweise einem Nachtwandler, auch bei ihm war das geistige Schaffen mit der erotischen Erregung ver­knüpft. Das System des Philosophen ist ja thatsäch­lich eine Art von Dichtung. Schopenhauer wusste das selbst sehr wohl und gerade in den Aufzeichnungen seiner Jugend wiederholt er oft, die Philosophie sei eigentlich eine Kunst. Er fühlte sich als Künstler und er glich in seinem Wesen einem solchen.

Bei Betrachtung des Jugendwerkes ist nicht zu verkennen, dass es einen stark subjectiven Zug trägt, nicht nur insofern, als es Schopenhauers Individualität widerspiegelt, sondern auch insofern, als es ein Bild des jungen Schopenhauer giebt und sich dadurch von den späteren Schriften unterscheidet. Zunächst fällt der schroffe Idealismus auf. Schopenhauer war zuerst am stärksten von Plato beeinflusst worden, dann hatte nach langem Kampfe. Kant die Herrschaft errungen, die indische Weisheit war dazu gekommen, und schliess­lich hatte Schopenhauer Kants Idealismus in plato­nisch-indischem Sinne umgestaltet, indem er die realis­tischen Gedanken Kants, die bei diesem ein Gegen­gewicht des Idealismus bilden, hinausgeworfen hatte und aus dem kritischen Idealismus einen metaphysi­schen gemacht hatte. Mit dem Radicalismus der Jugend hatte er Kant überboten und hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen, sodass von seinem Standpunkte aus kein Weg zur Realität mehr gangbar war. Dass an seiner Vorliebe für den unerträglichen Idealismus sein Charakter Theil hatte, ist nicht zu bezweifeln. Schopen­hauer war im guten und im bösen Sinne ein hoch­