Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1904) Schopenhauer
Entstehung
Seite
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Schopenhauers Person.

bestimmen lassen; er war fest davon überzeugt, nur sachlichen Erwägungen zu folgen, aber auch bei ihm hatte der Wille den Primat. Jugendlich schroff und jugendlich unbedacht hat er sich durch seine idealis­tische Lehre Ketten angelegt, die er zeitlebens tragen musste, und die ihn zeitlebens drückten. Denn ein weiterer Charakterzug war ihm ungemeine Hartnäckig­keit; was er einmal erfasst hatte, das hielt er zäh fest. Diese Hartnäckigkeit hinderte ihn, einzusehen, dass sein eigenes Denken, das mehr und mehr zu einer realistischen Auffassung drängte, durch die idealistischen Voraussetzungen gehemmt und geschädigt wurde, sie machte eine bewusste Weiterentwickelung unmöglich. Sie war viel mehr als die Ueberzeugung von der Richtigkeit der Kantischen transscendentalen Aesthetik daran schuld, dass er von einer Entwickelung des Realen nichts wissen wollte, und sie veranlasste ihn, im Persönlichen wie im Sachlichen, sich einem ex­tremen Conservatismus zu ergeben. Wer stolz und hartnäckig ist, wird auch gewaltthätig sein, und Schopen­hauer war es in der Theorie sehr. Bei ihm war wirk­lich der Wille zum Leben ein Wille zur Macht. Was ihm gefiel, das musste er haben, er fragte nicht, passt es für mich?, sondern griff zu und zwang das Nicht­zusammenpassende unter dasselbe Joch. Schopen­hauers System gleicht einem Reiche, in dem feindliche Stämme, von der Hand des Eroberers gebeugt, wider­willig zusammenleben. Zu Plato und den Indern fühlte er sich durch sein dichterisches und religiöses Em­pfinden hingezogen, Kant imponirte ihm durch seine