Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1904) Schopenhauer
Entstehung
Seite
62
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Schopenhauers Person.

habe oder nicht, zunächst ganz ab, fragt man nur, unter welchen Bedingungen sie aufgetreten sei, So finden wir sie bald als Ergebniss einer langen Er­fahrung, bald als ein mächtiges, von der Erfahrung unabhängiges Gefühl. Als Typen kann man den Pre­diger Salomonis einerseits, Buddha andererseits hin­stellen. Jener ist ein alter Mann, er hat viel erfahren und findet am Schlusse alles ganz eitel, aber der Ko­heleth ist ein Verstandespessimist, seine Einsicht ist eine Sache für sich, sie hat mit seinem Lebensmuthe nichts zu thun. Buddha ist ein Jüngling in den glück­lichsten Lebensverhältnissen, ein paar vereinzelte Er­fahrungen genügen, um ihn vom Leben abzuwenden, eine Sache, die nicht möglich wäre, wenn die Ver­zweiflung am Leben nicht schon in ihm geschlummert hätte. Soviel ist sicher: Auch dann, wenn die pessi­mistische Auffassung die Wahrheit sein sollte, der Gefühlspessimist ergiebt sich ihr nicht aus zureichen­den Gründen, sondern einem Drange seiner Natur folgend. In Schopenhauers Sprache ausgedrückt lautet es: der Pessimismus bei Buddha, bei Schopenhauer und anderen berühmten Pessimisten ist eine Sache nicht des Intellects, sondern des Willens, in moderner Sprache: er ist kein Ergebniss persönlicher Erkennt­niss, er stammt aus dem Unbewussten, aus ange­borener, und zwar pathologischer Anlage. Genauer, das Taedium vitae, der Ueberdruss am Leben, der Weltschmerz ist das Erste, und um dieses Gefühl zu erklären und zu rechtfertigen, richtet sich der Blick auf die Uebel der Welt, wird die pessimistische Auf­