Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1904) Schopenhauer
Entstehung
Seite
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Weimar und Dresden. 181318.

fassung ausgebildet. Natürlich kann auch ein junger Mensch den Pessimismus für richtig halten, wenn er sich etwa durch Schopenhauers oder Hartmanns Aus­einandersetzungen überzeugen lässt, aber darum ist er noch nicht ein Gefühlspessimist, wie Schopenhauer es war. Ein solcher ist ohne pathologische Anlage nicht möglich. Andererseits führt an sich die melan­cholische Verstimmung nicht zu einer pessimistischen Auffassung. Unzählige leiden an ihr, fühlen das tae­dium vitae, beklagen ihr Loos, tödten sich unter un­günstigen Umständen, überwinden die Verstimmung im Laufe der Zeit unter günstigen Umständen. Weil bei Schopenhauer die philosophische Anlage mit seiner eigenartigen Dyskolie zusammentraf, entstand sein Pessi­mismus. Um aber die Lehre so zu gestalten, wie sie ist, düster, leidenschaftlich, gewaltig, musste die volle Kraft der Jugend da sein. Dem jungen Schopenhauer war die pessimistische Auffassung Herzenssache, der alte hielt an ihr fest, aber sie wurde ihm mehr und mehr Ver­standessache, und in eben dem Grade, wie die Dys­kolie abnahm, gewann sein Denken eine eudämonis­tische Färbung. Ernstlich am Weltschmerze leiden, dabei aber doch thätig sein und an den Freuden des Lebens theilnehmen, das kann man nur in der Jugend, solange der Mensch elastisch genug ist, um solche Widersprüche in sich zu beschliessen. Nimmt die Dyskolie im Alter überhand, so bricht der Mensch zu­sammen, er verliert die Kraft und greift nach dem Tode.

Trägt Schopenhauers Werk die Spuren seiner Charakterfehler, so verkündet es doch noch mehr die