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Schopenhauers Person.
seine Vorlesung auf dieselbe Stunde, zu der Hegel sein Hauptcolleg las. Schopenhauer hatte offenbar gehofft, dass er bei seiner Rückkehr nach Deutschland seinen Namen anerkannt finden werde, da doch sein Werk zwei Jahre lang der gelehrten Welt angeboten worden war. Aber trotz einiger Besprechungen war „die Welt als Wille und Vorstellung“ so gut wie gar nicht gelesen worden. Einer der Recensenten(Herbart) hatte gesagt, Niemand, der sich für oder wider Kant interessire, dürfe Schopenhauers Kritik der Kantischen Philosophie ungelesen lassen, und hatte Schopenhauers Philosophie, obwohl er sie bekämpfte, im höchsten Grade zur Uebung des Denkens empfohlen. Es scheint aber, dass zu jener Zeit sich Niemand für Kant interessirte und dass Niemand die Uebung des Denkens für nöthig hielt. Das bedeutendste philosophische Werk, das seit Kants Kritik erschienen war, fand in dem „Volke der Denker“ keine Leser. Schwerlich kann man annehmen, dass von vornherein ein böser Wille, die Absicht des Todtschweigens bestanden habe, zuerst also ist Schopenhauers Misserfolg ein testimonium paupertatis für die Denkfähigkeit und den Geschmack seiner Zeitgenossen, insbesondere derer, die sich Philosophen nannten. Dass es Schopenhauer bei solchem Missgeschicke in Berlin nicht gefiel, das ist wohl zu verstehen. Seine Verstimmung wurde durch einen verdriesslichen Vorfall gesteigert. Er hatte auf gute Gründe hin ein Frauenzimmer, das sich widerrechtlich vor seiner Thüre festgesetzt hatte und mündlicher Aufforderung nicht folgen wollte, aus dem Vorraume