Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1904) Schopenhauer
Entstehung
Seite
71
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Die Reisen und der Aufenthalt in Berlin. 181831.

oft das Herz schwer machen. Andererseits ist es deutlich, dass ein Mensch, wie Schopenhauer einer war, zum Cölibat bestimmt ist, denn er konnte nur für seine Gedanken leben. Diente er seinem Werke, so war er zu Hause, im wirklichen Leben aber fühlte er sich immer fremd, es war ihm gar nicht möglich, sein Centrum in persönliche Beziehungen zu Ver­legen.*) Bei einer solchen Beschaffenheit konnte er eine Ehe in dem Sinne, den dieses Verhältniss bei uns hat, nicht schliessen; er wäre schlecht dabei ge­fahren und wahrscheinlich die Frau auch. Hätte Schopenhauer im Alterthume oder im Orient gelebt, so wäre es etwas anderes gewesen, in der Wirklichkeit aber hätte er entweder für ihn unerfüllbare Forderungen auf sich nehmen, oder aber eine Lügen-Ehe eingehen

müssen, in der er ein verheiratheter Junggeselle, also ein jämmerliches Geschöpf gewesen wäre. Sind ein­mal die Vorstellungen von der Ehe soweit geschraubt, dass die Eheleute Ein Leib und Eine Seele sein sollen,

*) In dem Aufsatze:Von dem, was Einer ist, sagt Scho­penhauer von dem geistig sehr Befähigten:Daher ist allein einem Menschen dieser Art die ungestörte Beschäftigung mit sich, mit seinen Gedanken und Werken dringendes Bedürfniss, Einsamkeit willkommen, freie Musse das höchste Gut, alles Uebrige entbehrlich, ja, wenn vorhanden, oft zur Last. Nur von einem solchen Menschen können wir demnach sagen, dass sein Schwerpunkt ganz in ihn fällt. Hieraus wird sogar erklärlich, dass die höchst seltenen Leute diese Art, selbst beim besten Charakter, doch nicht jene innige und gränzenlose Theilnahme an Freunden, Familie und Gemeinwesen zeigen, deren Manche der Anderen fähig sind. Denn sie können sich zuletzt über Alles trösten; wenn sie nur sich selbst haben.