Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1904) Schopenhauer
Entstehung
Seite
73
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Die Reisen und der Aufenthalt in Berlin. 181831.

verleiten; z. B. ist seine Meinung, die Weiber seien ihrer Natur nach zur Verschwendung geneigt, zurück­zuweisen. Im Grossen und Ganzen aber gehört Scho­penhauers nüchternes Urtheil über die Geschlechter zu seinen grossen Verdiensten. Er hat den Muth gehabt, inmitten der blinden Weiber-Verhimmelung, die gerade in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts einen be­denklichen Grad erreicht hatte, die Wahrheit zu sagen. Damals handelte es sich meist um dichterische Schwär­merei, die ihrer Natur nach den Standpunkt des Lie­benden einnimmt. Später haben Stuart Mill u. A. mit ihrer albernen Gleichberechtigung einem beträchtlichen Theile des anderen Geschlechts die Köpfe verdreht. Allem diesen Unwesen gegenüber haben wir begründete Veranlassung, Schopenhauers Urtheil, das im Grunde das der Weisen aller Zeiten ist, hochzuhalten. Noch viel bedeutsamer als seine Zurückweisung der Gleich­berechtigung ist seine Metaphysik der Geschlechts­liebe. Dass diese ein Kunstgriff der Natur, dass ihr Zweck nicht das gehoffte fabelhafteGlück, sondern allein die Fortpflanzung der Gattung ist, das ist seine herbe, aber fruchtbare Lehre, und er war nicht ohne Grund stolz auf sie.

So wenig wie einen Weiberfeind kann man Scho­penhauer einen Menschenfeind nennen. Die Sache hat etwas mehr Schein, weil Schopenhauer wirklich Zeit seines Lebens weidlich auf die Menschen ge­schimpft hat. Indessen darf man da nicht alles wörtlich nehmen. Sein hochfahrender und heftiger Charakter einerseits, sein vorurtheilloser Scharfsinn andererseits