Schopenhauers Person.
mussten ihn zu manchem harten Urtheil verleiten. Im Grunde wird jeder geistig hochstehende Mensch der Gefahr ausgesetzt sein, Menschenverächter zu werden. Zählt man z. B. Goethes menschenfeindliche Aeusserungen zusammen, so bekommt man einen erklecklichen Haufen, und Der, der weiter nichts von Goethe wüsste, würde ihn angesichts dieser schonungslosen Urtheile für einen schlimmen Misanthropen halten. Gwinner hat es mit Schopenhauer in seiner ersten Auflage ähnlich gemacht, hat alle bitteren Sätze aneinandergereiht, und die Wirkung war ein entsetzliches Geschrei über den bösen Schopenhauer. Nun war aber Goethe nicht nur der Hätschelhans seiner Mutter, sondern auch der der meisten Menschen und des Schicksals selbst. Schopenhauer stammte von einem melancholischen Vater, hatte eine Mutter, die ihn gar nicht hätschelte, brachte ein schwieriges, galliges Temperament mit, stand von Anfang an allein, unverstanden und musste in einer Weise unter dem Unverstande und der Ungerechtigkeit der Menschen leiden wie Wenige. Welcher von Beiden hat mehr Grund zur Bitterkeit? In Wahrheit reicht bei Schopenhauer weder die Charakter-Beschaffenheit, noch die sachliche Kenntniss der menschlichen Schwächen aus zur Erklärung seiner endlosen Variationen über des Bias Satz: die meisten Menschen taugen nichts. Viele seiner bösen Reden sind nichts als Versuche, sich zu trösten. Er war verstimmt und einsam, er sehnte sich nach Seinesgleichen und fand nicht, was er suchte. Nun redete er sich zu: mache dir das Herz nicht schwer, es ist ja nichts an den