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Psychopathologie des Fin de siècle : der Kulturkritiker, Arzt und Zionist Max Nordau / Christoph Schulte
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Paradoxe und Privates

Stücke schreiben wollte (siehe >Die neuen Journalisten<, >Der Krieg der Millionen<, >Es war in Paris<), von dieser Gattung ab und dem Buche zudrängte .« 65

Nordaus Bücher, nicht seine Stücke, brachten ihm Erfolg und Ruhm, während von Jagows Stücke weder ins Theater noch einen Verleger finden. Bei alledem bleibt der Brotberuf des Journalismus ein notwendiges Übel. Beide leiden an der Berufsroutine, der schlechten Bezahlung, den Zwängen, ihre Artikel meistbietend zu vermarkten. Bisweilen wurden bei der redaktionellen Umarbeitung die Depeschen so verhunzt, daß die Korrespondenten sogar froh sein müssen, nicht namentlich für sie verantwortlich zu sein. Als von Jagow sich darüber einmal bei ihm beklagt, schreibt Nordau: »Ich habe ähnliche (nicht ganz so schlimme) Erfahrungen ge­macht und versage es mir deshalb, wenn nur irgend möglich, für Zeitungen Unterzeichnete Artikel zu schreiben. Für nicht Unter­zeichnete bin ich nicht verantwortlich. Mit denen mögen sie machen, was sie wollen .« 66

Seinem Freund von Jagow auch gesteht Nordau, warum er diese enorme Doppelbelastung von Arztberuf und Journalismus neben seiner Schriftstellerei in Paris auf sich nimmt. »Vom Bücherschrei­ben möchte ich mk und nimmer leben - müßte ich auf den Geld- Erfolg rechnen, so würde ich unbewußt und unwillkürlich auf ihn hinarbeiten, und das wäre der Tod des ehrlichen, unabhängi­gen, nothwendigen, mit meinem Veräußerlichungsdrange her­vorgehenden Schaffens. Bleiben also Medizin und fournalismus. Erstere ist zu unsicher - heute oder morgen kann ich als Deut­scher hier ausgewiesen werden und dann stehe ich da. Denn eine neue Praxis an fremdem Orte baut sich erst nach fahren - wenn überhaupt!-wieder auf. Sie auf geben möchte ich trotzdem nicht, weil sie mich anregt und meinen Gesichtskreis fortwährend er­weitert. Und den fournalismus aufzugeben wäre Thorheit - sie (!) ist das allzeit sichere Brod, die milchende Kuh, sie muß dem Ren­tenlosen die Rente ersetzen und ihm die Möglichkeit des Schaf­fens ohne Hinblick auf Lohn und Erfolg gewähren. An meiner Lage ist nichts zu ändern. Ich muß sie tragen. Zum Glück kann

65 Brief Nordau-von Jagow, 22.9.1893, ZZAA 119/283/132.

66 Brief Nordau-von Jagow, 16.2.1893, ZZA A 119/283/113.