Druckschrift 
Psychopathologie des Fin de siècle : der Kulturkritiker, Arzt und Zionist Max Nordau / Christoph Schulte
Seite
193
Einzelbild herunterladen

Der Brief-Freund

193

ich es wenigstens, denn die Natur hat mir mehr Kraft und Zähig­keit gegeben als den meisten anderen, die ich kenne .« 67

Das Schicksal des Ausgewiesenwerdens als »feindlicher Auslän­der« ist Nordau über 20 Jahre später zu Beginn des Ersten Weltkrie­ges tatsächlich widerfahren, als er ohne Hab und Gut nach Spanien ausreisen mußte. Aber da hatte er keinen deutschen, sondern nach wie vor seinen ungarischen Paß. Dennoch war die Sorge, »als Deut­scher« ausgewiesen zu werden, nicht grundlos. Sie speiste sich nicht nur aus der Tatsache, Korrespondent einer deutschen Zei­tung und - von einem nicht mehr rekonstruierbaren Zeitpunkt an - Botschaftsarzt der deutschen Botschaft in Paris zu sein 68 , sie ent­sprach auch Nordaus Selbstverständnis, deutscher Schriftsteller für ein deutsches Publikum zu sein. Seine Bücher werden in Berlin und Leipzig, nicht in Wien und Pest verlegt, er schreibt in jenen Jahren fast ausschließlich für deutsche Zeitungen.

Das macht einen Lebenstraum verständlicher, den er seinem preußisch-deutschen Freund von Jagow, der selbst Berliner ist, nach einer der größten persönlichen Katastrophen seines Lebens gesteht: den Traum, »in Berlin zu wohnen und zu wirken«. Dieser Traum wird durch eigenes Mißgeschick vereitelt. Nordau hatte nämlich, seinen moralisierenden antikapitalistischen Tiraden ge­gen die Börse zuwider, nicht nur von Jagow wiederholt mit Bör­sentips beraten 69 , sondern auch selbst an der Börse in russischen Papieren spekuliert und im Juli 1891 sein gesamtes Vermögen ver­loren. Zerknirscht schildert ein Brief an von Jagow, wie dieser »Traum meines Lebens« zerplatzte, der Traum, als deutscher Schriftsteller ohne den Zwang zur journalistischen Lohnschreibe­rei in Deutschland zu wirken.

»Ich habe und hätte Ihnen nie davon gesprochen, weil es Ihrer und meiner nicht würdig ist, über Geldsachen und Geschäfte, die mich tief anekeln, Redensarten zu machen. Wir haben immer Besseres zu thun! Aber da die zufällige Taktlosigkeit eines nied­rigen Schwätzers Sie zu einer geraden Frage veranlasst, so wür­den Sie es mit Recht als einen unverdienten Mangel an Vertrauen

67 Brief Nordau - von Jagow, 20.8.1892, ZZA A 119/ 283 / 89.

68 So Anna Nordau, Max Nordau. Erinnerungen, S. 227 u.ö.

69 Briefe Nordau-von Jagow,4.5. u. 17.7.1890, ZZA A 119/283/25 u. 30.