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Psychopathologie des Fin de siècle : der Kulturkritiker, Arzt und Zionist Max Nordau / Christoph Schulte
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Paradoxe und Privates

ansehen dürfen, wenn ich weiter schwiege, oder unklar, oder mit Ausflüchten antwortete.

Ich habe in der That jeden Pfennig meines Vermögens und noch etwas darüber (was ich seitdem abzahle) im fuli 1891 durch ein Börsengeschäft verloren, auf das ich mich (...) auf >Freundes<- Rath eingelassen hatte. Es war zwar ein harter Schlag, denn ich hatte, was ich besaß, so wie Sie erworben: mit ehrlicher, schwach bezahlter, unabläßiger Arbeit. Aber ich ließ durch diesen Schlag meine Seele nicht berühren und ich glaube nicht, daß Sie damals oder seitdem irgend Etwas an mir gemerkt haben können, was sich aus dem Verluste meines Vermögens erklären würde.

Ich betrachtete das Mißgeschick als eine gerechte, wolver- diente Strafe dafür, daß ich den festesten, heiligsten Grundsätzen meines Lebens untreu geworden war und mich gegen meine ei­gene Sittlichkeit vergangen hatte. Aus Sittlichkeit hätte ich mich scheuen müssen, der Börsen-Räuberhöhle nahezukommen; aus Klugheit hätte ich mir sagen müssen, daß ein ehrlicher Mensch wie ich unbedingt bestohlen wird, wenn er sich unter Taschendiebe begibt.

Warum ich es trotzdem gethan? Aus krankhafter Sehnsucht, die mein Urtheil trübte. Sie wissen, daß es der Traum meines Le­bens ist, in Berlin zu wohnen und zu wirken. Ich bilde mir ein, den Traum erst verwirklichen zu können, wenn ich mit minde­stens 6000 M. Rente nach Berlin gehen kann. Es dauerte mir zu lange - ich wollte den A ugenblick beschleunigen, der doch schon ganz nahe gerückt war- und verlor alles.

Das ist die einfache, dumme Geschichte. Ich habe sie längst verwunden .« 70

Nordaus Traum, die »krankhafte Sehnsucht«, als deutscher Schriftsteller in Deutschland zu wirken, scheitert jedoch nicht nur am eigenen Mißgeschick, er scheitert auch am Antisemitismus. Daß Nordau in Deutschland nicht, wie etwa von seinem Freund von Jagow, als deutscher Schriftsteller, sondern in erster Linie als Jude gesehen und empfangen wird, vermittelt ihm ein Ferienauf­enthalt auf Borkum Anfang September 1893. Nordau macht dort mit dem Chefredakteur der Vossischen, Stephany, und dessen Frau

70 Brief Nordau-von Jagow, Paris, 7.3.1893, ZZA A 119/283/114.