Zweiter Band
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werde angesichts seiner wachsenden Popularität zur Pflicht . 155 Daß Nietzsches »falscher Individualismus und Aristokratismus« solchen Erfolg haben und ein Tobsüchtiger »in Deutschland für einen Philosophen gehalten werden und Schule machen konnte«, bleibt, so Nordau abschließend, »eine schwere Schmach für das deutsche Geistesleben der Gegenwart «. 156
Der Realismus: Zola und die Zolaschulen. Nordaus Zola-Kritik beginnt mit dem Eingeständnis, er selbst habe in seinen früheren Büchern Paris unter der Hl. Republik und Ausgewählte Pariser Briefe Zola noch überschätzt . 157 Dort war Zola mit seinen Milieuschilderungen noch ein willkommener Zeuge für die baulichen und sozialen Mißstände von Paris gewesen. Damals war Nordau auf den Realismus der Schilderungen hereingefallen 158 , nun äußert er eine immanente Kritik an Zolas Programm eines literarischen Realismus, die einerseits eine Selbstkritik beinhaltet, andererseits jedoch Zola auch nach seinen eigenen Maßstäben wirklich trifft. Denn hier wird, was sonst in Entartung selten ist, ein Autor einmal an seinen eigenen Ansprüchen gemessen und nicht nur von einem ihm äußerlichen oder gar vollkommen fremdartigen Standpunkt aus heruntergeputzt.
Nordaus Argumente gelten Zola als dem lange Zeit gefeierten >Erfinder< des Realismus in der Literatur: kein Kunstwerk, so Nordau, sei je getreues Abbild der Wirklichkeit. Noch die getreueste Milieuschilderung ist Artefakt, ist etwas vom Schriftsteller künstlich und künstlerisch Gestaltetes. In den realistischen Roman gehen, wie in jedes Kunstwerk, Emotionen und Gedanken, Weltdeutung und Interessen seines Autors ein . 159 Insofern ist der Anspruch Zolas und seiner Leute, »tranches de vie« abzubilden, ein Selbstmißverständnis, denn auch die detaillierteste Schilderung sei immer Ausschnitt und Auswahl, sie ist Gestaltetes und Erdichtetes . 160 Mögen die Kriti-
155 Entartung II 328f.
156 Entartung II357.
157 Entartung II361.
158 Entartung II395.
159 Entartung II366-368.
160 Entartung II385.