Druckschrift 
Psychopathologie des Fin de siècle : der Kulturkritiker, Arzt und Zionist Max Nordau / Christoph Schulte
Seite
244
Einzelbild herunterladen

244

Entartung

»Nietzsches Grundgedanke der Rücksichtslosigkeit und viehi­schen Verachtung aller fremden Rechte, so weit sie einer selbst­süchtigen Begierde im Wege stehen, muß das Geschlecht anhei­meln, das unter dem Bismarckschen System herangewachsen ist. Fürst Bismarck ist eine ungeheure Persönlichkeit, die über ein Land hinwegrast wie ein Wirbelsturm (...): sie zermalmt A lies in ihrem delirierenden Laufe und läßt eine weite Vernichtung der Charaktere, Verwüstung der Rechtsbegriffe und Zertrümmerung der Sittlichkeit als Spur zurück. Das System Bismarck bedeutet im Staatsleben eine Art Jesuitismus im Küraß. >Der Zweck heiligt die Mittel< (...). Bei seinem Urheber hat dieses System der älte­sten Barbarei immerhin eine gewisse Größe (...). Bei den Nach­ahmern hingegen verkrüppelt es zur >Schneidigkeit< (...). Die >Schneidigen< erkennen sich dankbar in Nietzsches >Ueber- menschen< wieder und Nietzsches sogenannte >Philosophie< ist tatsächlich die Philosophie der >Schneidigkeit<. Seine Lehre zeigt, wie das System Bismarck sich im Kopf eines Tobsüchtigen spiegelt .« 152

Nietzsches Programm einer Überwindung der Massengesell­schaft und des Nihilismus durch den Übermenschen, so der dritte

A

inhaltliche Punkt Nordaus gegen ihn, sei selbstwidersprüchlich und verdanke sich dem Umstand, daß Nietzsche sich selbst nicht verstehe: Nietzsche könne nicht einerseits behaupten »Nichts ist wahr, alles ist erlaubt« und zugleich die Wahrheit seines Ideals einer Herrenmoral oder eines Übermenschen reklamieren oder de­klamieren. 153 Nietzsches Individualismus und Einsamkeitspathos sei aus Stirners Der Einzige und sein Eigentum (1844) abgekupfert, sein vorgeblich moralfreier Wille zur Macht ein Derivat des Willens zum Leben aus Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstel­lung (1818). Das alles sei schlechter, wenn auch populärer Zeit­geist: »Wer aber Nietzsche im Zusammenhänge mit den gleich­artigen Zeiterscheinungen betrachtet, der erkennt, daß seine angeblichen Neu- und Kühnheiten schmierigste Gemeinplätze sind .« 154 Auf die »Tatsache des Irreseins« Nietzsches hinzuweisen

152 Entartung II353f.

153 Entartung II 297f.

154 Entartung II311.