Zweiter Band
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deutscher Schriftsteller« 166 ist Nordau tief und schmerzlich beschämt, dem deutschen Publikum über die Entartung der jungdeutschen Nachäffer von Zola berichten zu müssen. Denn » seit der Weimarer Genie-Periode war das deutsche Schriftthum immer das führende in der weißen Menschheit. Wir waren die Erfinder, die fremden Völker die Nachahmer. Wir versorgten die Welt mit Dichtungsformen und mit Gedanken.« 167 Und nun gebe man deutsche »Nachfälschungen« französischer Machwerke für die »Blüthe deutschen Schriftthums« aus. 168
Gründer der realistischen Schule in Deutschland ist Karl Bleibtreu, der bei Nordau als »Macher« eines Heftchens mit dem Titel Revolution in der Literatur figuriert, aber eigentlich nur Talent für Reklame habe. Heinz Tovotes Im Liebesrausch (Berlin 6 1893) seziert Nordau gleich seitenlang als Beispiel für einen realistischen jungdeutschen Roman. Mit dem Mittel der Montage wird der Stil Tovotes desavouiert. Tovote sei ein »Kolportageroman- Hausirer«, Hermann Bahr hingegen »eine ausgesprochen krankhafte Erscheinung«, ein Hysteriker, »talentlos bis zur Unwahrscheinlichkeit«. Bahrs Die gute Schule (Berlin 1890) zeige eine solche »Nachäffungswuth«, daß, wie Nordau an Textpassagen zu zeigen versucht, das Buch schon etwas von einer Parodie der Zola, Ibsen und Huysmans habe. 169
In gleicher Weise werden auch der von Otto Julius Bierbaum herausgegebene jungdeutsche Musen-Almanach sowie Werke von Ernst von Wolzogen, Arno Holz, Johannes Schlaf und Karl Hen- ckell anhand von Textausschnitten vorgeführt. 170 Verteidigt werden nur Spielhagen und Lindau, Nordaus alte Bekannte und Förderer der ersten Jahre, sowie Liliencron und Hermann Sudermann. Lobendes hat Nordau nur über zwei Autoren zu vermelden: Fontane und Hauptmann. Fontanes Romane haben neben dem Be-
166 Entartung II415.
167 Entartung II416.
168 Entartung II417.
169 Entartung II 436f.
170 Zu den meisten der hier von Nordau genannten Autoren vgl. Dieter Kafitz (Hg.), Dekadenz in Deutschland. Beiträge zur Erforschung der Romanliteratur um die Jahrhundertwende, Frankfurt/Bern/New York/Paris 1987.