heitsgedicht und bei der Impressionierung und Lyrtsierung der Romanprosa. Hier ging es nicht nur um weitgehend subjektive Empfindung und Vision, sondern dabei konnten Erfahrungen verschiedenster Art, historische und gesellschaftliche Erfahrungen, Naturerlebnisse und persönliche Lebenserfahrungen, in dichterisch angemessener Weise verwertet und produktiv werden. Tiefe persönliche Erfahrung durchdringt in den reifen Werken Fontanes den dichterischen Stoff bis zur höchsten beseelten, verklärenden poetischen Aufzehrung des veranlassenden Rohstoffes. Erfahrung wird in seinen besten Romanen, Balladen, Naturimpressionen und Spruchgedichten zum beseelten Fontane-Ton sublimiert, „verbummelt“ 5 und verdichtet. Fontanes Dichtung ist in hohem Maße eine Dichtung des beseelten Tones, der anrübrenden und bewegenden Tonfälle. Unter dem Einfluß des Naturalismus, besonders Gerhart Hauptmanns, aber auch von Arno Holz und Johannes Schlaf, die, freilich mit unterschiedlicher Realistik, den Sprechrhythmus und -ton verfeinerten, hat Fontane der deutschen Dichtung neue tonale Möglichkeiten gewonnen, wobei es sich bei Fontane als einem auf die objektive Realität gerichteten Schriftsteller meistens um einen realistischen, gestischen Tonfall handelt.
Fontanes lyrisches Schaffen stellt sich durch die Wiederentdeckung namentlich der frühen Lyrik als recht umfangreich dar. Doch den frühen politischen und sozialen Gedichten fehlt dieser Ton als Ausdruck wirklich intensiver poetischer Wirklichkeitsaneignung, ja, es mangelt ihnen das eigentlich Gestische und Griffige. Sie sind formal allzu glatt, zu bilder- und wortreich und prägen sich beim Lesen nur bedingt ein, von Veranlassung zum sofortigen Auswendiglernen keine Spur. Die Vormärzlyrik Fontanes hat Bedeutung nur als Zeitdokument, auch hinsichtlich der Herwegh- und Freiligrath-Rezeption, und im Hinblick auf Fontanes Entwicklung, auf seine konventionellen, epigonalen Anfänge und auf die schwer errungene Originalität seiner reifen Werke, speziell auch auf die in einem langen Prozeß erworbene aphoristische Einfachheit seiner späten Spruchverse,
Der „beseelte“ Fontane kündigt sich erstmals in den 50er Jahren an in einigen schottisch-englischen Gedichten wie der Ballade „Archibald Douglas“ und dem „Lied des James Monmouth“ und im ersten Zyklus spruchhafter Gedichte. Zu voller Entfaltung gelangt er indessen erst in den Romanen, Balladen, Sprüchen, Naturimpressionen und Gelegenheitsgedichten der vorgerückten 70er, der 80er und der 90er Jahre.
Wilhelm Bölsche schrieb 1890 aus Anlaß des 70. Geburtstages des Dichters über Fontane als Lyriker: „Fontane ist gerade formal ein durchaus origineller Dichter, und zwar ist er es wesentlich deshalb, weil er keiner von denen ist, die Überfülle an klingenden Rhythmen haben. Seine Dichtungsart hat im Innersten etwas Zähes, der Gedanke ringt nach Prägnanz, die realistische Art der Naturmalerei fordert eine Häufung von scharf zeichnenden Beiwörtern, die der Schilderung etwas, man möchte geradehin sagen: naturwissenschaftlich exaktes geben. Diese
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