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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
Entstehung
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Stämmen wieder eingetheilt, indem er angeben wird: der gehört zu diesem, der zu jenem Stamme; aber er wird nicht sagen, daß einer, der als rechtmäßiger Jude gilt, von freigelassencn Sklaven oder Bastarden abstamme, denn das Gesetz bleibt: eine Familie, die sich im Laufe der Zeiten eingeschlichen, hat, ivird nicht mehr aus­gestoßen. Die Weisen und die Propheten haben die messianische Zeit nicht herbei- gewünscht, um über die Welt zu herrschen oder Völker zu bändigen oder um von denselben hochgehalten zu werden, auch nicht um zu essen, zu trinken und fröhlich zu sein, sondern um frei zu sein für die Thora und ihre Wissenschaft ohne Bedränger und Störer, um sich die Ewigkeit zu erwerben, wie wir in lllilcbot D'scllnba erklärt haben.

In jener Zeit wird es weder Hungersnoth noch Krieg geben, weder Neid noch Zank, denn das Güte wird in Fülle herabströmcn, alles Wünfchenswerthe so leicht zu erlangen fein wie der Staub, und die Hauptbeschäftigung der ganzen Welt wird die Erkenntnis; Gottes sein, sodaß Israel ans großen Weisen bestehen wird, welche die verborgenen Weltgeheimnisse kennen und die Kenntniß ihres Schöpfers erreichen, so weit dies in der Macht des Menschen liegt, wie es heißt :Und die Erde wird voll sein von Gottescrkenntniß, wie die Gewässer das Meer bedecken."

Die Ansicht der bedeutendsten Chaßidäer geht nun dahin, daß Maimonides der rechte Mann zu einer günstigen Zeit gewesen, der eine vorläufige Erlbsnng herbeizuführen auserwählt war, wenn es ihm erstens gelungen wäre, die gesaminte Judenheit zu einer einheitlichen Gefolgschaft feiner Autorität ohne Opposition zu vereinigen, mit dem Abschluß der Hafacha auch das messianische Ende und den Wiederaufbau der Prophetie herbeizuführen; wenn er zweitens nicht in denselben Fehler verfallen wäre, wie sein hohes Vorbild Mosche nach der Tradition, der durch die Annahme des Urevv Uaw, des ägyptischen Mischvolkes, als Proselyten die erste Veranlassung gab, daß er den Einzug in das gelobte Land nicht persönlich führen durfte. Dasselbe Verfahren hätte Maimonides eingeschlagen, indem er sich mit feinem Moreh zu den halb Abtrünlnigcn herabließ, um sie zu bekehren und diese zweifelhaften Elenrente arr das Judenthum zu fesselrr. Es erging ihm dabei wie unseren: Vater Jakob, vor: den: cs heißt: Als er seine Söhne an seinem Sterbe­bette versammelte, wollte er ihnen das Ende offenbarer:; da verließ ihn der göttliche Geist. Warum? Weil die Erlösung zunächst nur durch freie Wahl der innigen Reue und Buße erbeten werden kann, ein Zeitpunkt, der den: Auge des Prophetei: entrückt ist, da er ieden Taa von dem Willen des Volkes abhängt, wie der Talmud lSanh. 98a) Jes. 60,22 deutet: 12t ssnetin krebweimmrb)wenn

sie gut sein werden, so werde ich die Erlösung beschleunigen"; wenn aber diese Umkehr nicht Antritt, so bleibt die bestimmte Frist, mit welcher dasGolus" auf alle Fälle aufhören soll: NI2P2 121 (Io sacbrr b'Utalr). Nachdem Jakob nur dieses Ende offenbaren konnte, so mußte er seinen Seherblick auf die schlechten Wege wenden, und es verließ ihn der göttliche Geist. (R. Abraham Jakob Friedmann

Der Rabed, der sonst keine Gelegenheit zun: Widerspruch vorübergehei: läßt, hat sich während der ganzen, großen Definition des Maimonides still Ver­halten, nur durch einen Zwischenruf gleichsam seine Opposition markirt. Denn der Einwand gegen Maimonides' Behauptung von der Unveränderlichkeit der natür­lichen Verhältnisse durch den Hinweis ans den Vers:Ich werde die wilden Thiere aus dem Lande verscheuchen", ist kann: der Versuch einer, ernsten Entgegnung.

Dennoch hat es seit den Tagen Hillel's und Schammai's keine so grund­verschiedenen Richtungen und scheinbar unversöhnlichen Divergenzen der Welt­anschauung gegeben, wie zwischen Maimonides und Rabed, die einander gegenüber