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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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stehen wie der positive und negative Pol ein und derselben Volksseele. Zur Ein­leitung eines besseren Verständnisses kommt es zuvörderst daraus an, fcstzustellen, was unter dem Begriffe NX122 (blebusk, Prophetie) in den esoterischen Krelscn des Judenthums eigentlich verstanden wird. Die Fähigkeit, mit Ucberspringnng der Zeit in die Zukunft zu sehen, ist es ebensowenig wie die Fähigkeit des Hell­sehens mit lleberspringung des Raumes. Wir sehen, das; Mosche, der größte der Propheten, diesen Zweig der Prophetie dem .Heiden Bileam überlassen hat, und die Tradition sagt, daß diese Kategorie der niederen Prophetie seit dem Kampfe Jakob's und der Berührung seiner Hüfte durch den Engel für Israel verschlossen war, bis auf die Zeit Samuel's des Seher s. Diese psychischen Fähigkeiten haben auch, wie der Talmud sagt, mit dem Aufhören der Xelmnb keineswegs aufgehört (Baba batra 12). Dort heißt es: R. Abdimi von Kaifa sagt: Seit der Zerstörung des Tempels ist die Prophetie auf die Weisen übcrgcgangen; R. Jo- chanan: sie ist auch andrerseits (in fallender Richtung» auf minder und llk'vtes- gestörte übergegangen. Das Wort ibtadi) heißt an und für sich, wie Rasch! zu 2. B. M. 7, bemerkt, frz. preclicateur; das heißt abelr nichtPrediger", wie die Späteren übersetzen, sondernFürsprecher". Der Prediger spricht nur etwas vor, der lKubi istFürsprecher."Und Ahron, Tein Bruder, soll Dein Fürsprecher sein." Und einen Prediger brauchte Pharao um so weniger, als er gewiß auch seinen Hofprediger hatte. Das erste Mal kommt das Wort bei Abraham vor. Es wftd dem Abimelech über ihn gesagt (l. B. M. 20, 7): '2

X1NDenn er ich ein Fürsprecher, und wenn er für Dich betet, so »birst Du leben." Das Grundprinzip der Prophetie (IKeliuab) wird uns bei Abraham enthüllt, wo es vor der Katastrophe von Sodom heißt (1. B. M. 18,17):Und der Ewige sprach:Sollte Ich denn vor Abraham verbergen, »vas Ich thnn will?" Und Abraham tritt vor den höchsten Richter hin und spricht:Wirst Du denn den Gerechten sammt dem Frevler vernichten? Das sei ferne von Dir) Der Richter der ganzen Erde sollte kein Recht thun?" (ik. Vv. 23. 25.) Die Prophetie bedeutet demgemäß die konstitutionelle Regierungsform der göttlichen Vorsehung. So sagt Amos (3,7):Denn der Einige Gott thut nichts, bevor Er nicht Sein Geheimnis; Seinen Dienern, den Propheten, offenbart hat." Die heilige Schrift schildert uns die Propheten nicht nur als die berathenden Fürsprecher, sondern auch als die Exekutivorggne der Vorsehung, welche die Vernichtung und den Aufbau der Reiche nicht nur Voraussagen, sondern auch durch die Macht ihres Wortes herbeiführen. Ein Franzose hat in einein WerkeDa dillle vengee" Betrachtungen über die Un­begreiflichkeit der Thatsache angestellt, daß die Weltreiche Assyrien und Babylonien, welche die Staaten Israel und Juda zertrümmert haben, auf eine im Rahmen der Weltgeschichte geradezu räthfelhafte Weise mit der pünktlichen Einhaltung der von den Propheten bis in die kleinsten Details heraufbeschworenen Vernichtung vom Erdboden verschwunden sind, ohne daß die erbärmliche Theorie einer seichten Aufklärerei von den vatieiniis ex eventu von Jemanden, der sich selbst achtet, auch nur eines Blickes gewürdigt werden kann. Die vereinzelten großen Denker in dem Myriadenameisenhaufen der Menschheit haben die einzig dastehende Erscheinung des antiken Judenthums und seiner das Niveau der Menschheit so hoch überragenden Propheten »vohl gewürdigt. Wenn Schleyden die Juden unter den fast vollständig untergegangenen Völkergebilden des Ultcrthums die einzig Nüchternen unter der trunkenen Menschheit nennt, so darf der Ethnologe sich der Wahrnehmung nicht verschließen, daß der vieltausendiäbrige Rausch die Nach­wirkungen der Entartung noch keineswegs überwinden lasse, und wenn die Juden als fremdartiger, erratischer Block einer uralten Nationalitätenbildung betrachtet werden, so kann diese Widerstandskraft gegen die denkbar ungünstigsten Ver-