69
hältnisse >nur nnt den Worten eines der letzten Propheten, Chaggai, erklärt werden (2,6): „Mein Geist steht in eurer Mitte; fürchtet nicht!" (Das Targum übersetzt es mit: „Und Meine Propheten verbreiten die Lehre unter Euch.") Der Prophet Jesaia hat mit göttlichem Seherblicke den Zustand des Judenthums in der fremde vorausgeschildert (6,13): „Es wird auf den zehnten Theil (seiner Lebenskraft) zusammenschrumpfen, die dann wieder zu Heller Leuchtkraft sich erholt, wie Eiche und Buche, die, wenn sie ihre Blätter auch abwerfeu, ihren Stamm unversehrt erhalten; sein Stamm bleibt die geheiligte Abkunft."
Der Baum Juda's hat mit der Zerstörung seiner staatlichen Existenz seinen Blätter- und Blüthenschmuck ab- und in dem rauhen Klima des Golus die trostlose Winterhülle angelegt, unter welcher, wenn auch verborgen, die angeborene Lebenskraft ihre innere Intensität eher verstärkt hat. Es ivar, wie der sterbende Moses es in seinem Abschiedssegen anredet, „die Wohnung des Gottes der Vorzeit" und bleibt es auch „unter dem Drucke der weltlichen Gewalten" NlpiNI 71N7921) denn der Gottesgedanke hat keine andere Stätte. Er bleibt nach wie vor ein Fremdling in der Völkerwüste. Der letzte der Gaonim in der Reihenfolge und der erste im Range — so bezeichnen ihn die Alten — R. Hai Gaon, hat in seinem berühmten Responsum 99 eine für das esoterische Judenthum bindende Erklärung für den unverbrüchlichen Fortbestand der prophetischen Autorität durch alle Zeiten abgegeben aus die Anfragen, was der Talmud unter dem Eintritt in den karcles ON12, den Garten der Prophetie, verstanden wissen wollte, an welchen: sich vier Mischnalehrer nach der Zerstörung des zweiten Tempels mit verschiedenem Erfolge versucht hätte::. Die Fragesteller verlangen Auskunft, ob die nicht miß- zudeutende Anschauung des Talmud, die ihnen prophetische Geisteserhebung zutraut, die unverbrüchliche Autorität einer gesetzlichen Halacha besitzt, oder ob man sich darüber' als eine Agada hinwegsetzen und mit philosophischen Floskeln begnügen kann. R. Hai Gaon übergeht das Ansuchen des Fragestellers, der eine gesetzliche Entscheidung über das Dogma herbeiführen will, und beschränkt sich auf die objektive Erklärung, was der Talmud darunter verstanden wisse:: wollte, und auf seine subjektive Ansicht über das Problem, mit dem Hinweis' darauf, daß die unter dem Einflüsse der hellenistisch-arabischen Schule stehenden Kreise, zu denen auch sein eigener Schwiegervater, R. Samuel ben Chofni, gehört, von einem ununterbrochenen Fortleben des Prophetengeistes in irgend welcher beschränkten Form nichts wissen wollen und unter dem Scheine, die Autorität des Talmud zu wahren, demselben Auslegungen unterlegen, die ihm fern waren. Er für sich hege die traditionelle, von seinen Vätern überkommene Ueberzeugung, daß der Adel der Geburt vereint mit den: des Geistes noch immer den Auserlesenen des Volkes die göttliche Gnade zu Theil werden lasse, in die Geheimnisse der Weltleitung eingeweiht zu werden, wie ihre Urahne,: die Propheten, und sich auf ähnliche Weise von den Fesseln des Körpers in ungeahnte seelische Regionen erheben zu können.
Die antike Größe dieses klassischen Schriftstückes, den: in vorhergehenden Jahrhunderten kein zweites an die Seite gestellt werden kann, hat natürlich die Aufmerksamkeit der Mäuse auf sich gezogen, die mit Vorliebe unsere heiligen Schriften zernagen. Eine so angesehene, aus den: Alterthum ragende Autorität wie R. Hai Gaon durfte der Kabbala nicht vergönnt werden, und so hat sich der deutsch-jüdische Geschichtsschreiber entschlossen, die Autorschaft des R. Hai Gaon anzufcchten und dagegen ein anderes Responsum in's Feld zu führen, das R. Hai Gaon unterschoben wird, obwohl es erwiesenermaßen, worüber auch der Styl keinen Zweifel läßt, gerade den obenerwähnten R. Samuel ben Chofni zum Ver-