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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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damaligem Festlande an Zeichen von Bergen und Bäumen fanden und was dergleichen gelehrt scheinende Ammenmärchen der fanatischen Allwisser mehr sind. Man hat schließlich die Ungereimtheit dieser abgeschmackten Dogmatik eingesehen, und auf einem Natursorscherkongreß zu Augsburg hat ein Professor diesen Instinkt aus besondere Sinnesschärse zurückführen und der Haltlosigkeit seiner Erklärung durch die Hoffnung auf eine in der Zukunft Schoße schlummernde Bestätigung eine Stütze leihen wollen.

Ein Hund hat diese geistreichen Hypothesen über den Hausen gerannt, den eine österreichische Herzogin von ihrer Tante in.Regensburg als Geschenk im Salonwagen nach Wien brachte, der aber aus der Hofburg entwich und am nächsten Morgen todt vor dem.Palais seiner Herrin in Regensburg gefunden wurde, wohin er mit Erschöpfung aller seiner Kräfte binnen 12 Stunden gerannt war. Da nicht anzunehmen ist, daß die Vorfahren, dieses treuen Thieres in Salonwagen gefahren seien, um ihm eine entsprechende Tradition zu hinterlassen, oder daß irgend eine Witterung ihm als Wegweiser für den Rückweg hätte dienen können, so muß man bei dem alten bescheidenen Eingeständniß der Un­zulänglichkeit unserer Erkenntniß für die niedrigsten Erscheinungen bleiben. Jedenfalls hat er (nicht der Professor) das ihm errichtete Monument wirklich - einmal rechtmäßig verdient.

Der Mensch besitzt nun zwar dieses Vermögen scheinbar nicht oder nicht mehr. In Wirklichkeit äußert es sich, wenn auch in andrer Form, in weit höherem Grade als beim Thiere. Es kann sich nur nicht nach außen bethätigen, außer in den seltensten Fällen, weil seine Thätigkeit nach innen vollständig in Anspruch genommen ist, durch die Leitung der zahllosen und so außerordentlich komplizirten Gehirn-, Sinnes- und Nervenapparate. Wenn wir bei den ein­fachsten Vorrichtungen, beim Essen, Trinken, Gehen, auf die Erfahrung ange­wiesen wären, so wäre kein Gelehrter im Stande, uns begreiflich zu machen, welche Nerven und Muskeln wir für diese Thätigkeiten in Bewegung zu setzen haben, wogegen ein mit Blitzesschnelle arbeitender Tausendkünstler die kom- binirtesten photographischen und mikrophonischen Apparate und solche, für die wir noch gar keine technischen Aequivalente haben, mit unfehlbarer Sicherheit in Thätigkeit seht. Nach Ansicht unserer Weisen war dieser höher liegende Sinn beim ersten Menschen viel weiter entwickelt, mit höherem Bewußtsein verbunden, so daß das niedere Bewußtsein (TIPI), das Selbstbewußtsein, erst mit der Ent­artung des Menschen eintrat, wie dies auch aus der Genesis hervorgeht.

Als Beispiel und Beweis diene uns die Sprache, wobei wir gleichzeitig die chaßidische Philologie kennen lernen.

Die Zunge ist die Schreibfeder des Geistes (2^N Dieser

Sah wird so ausgelegt, daß die Sprache nichts anderes ist als eine Schrift der Seele, welche die Athmungs- und Speiseorgane als Tintenfaß und Schreibzeug verwendet. Am deutlichsten vertritt diese Anschauung R. Juda Albargaloni in den Refponsen der Gaonim Nr. 119 über die Mischna Abot, welche unter die Dinge, die gleichsam mit der Abenddämmerung bei Schöpfungsschluß geschaffen wurden, auch 2712V711 2N2N rechnet, zwei Gegenstände unter gleicher Benennung. R. Juda sagt nun, daß unter 27^2 (Schrift) die Sprache zu verstehen fei, welcher die Thätigkeit gegeben wurde, aus den unartikulirten Lauten, die sich von der inneren Kehle an, bis an die äußeren Lippen entwickeln, Bilder für die Ge­danken zu entlehnen, und zwar in einem Paralellismus entsprechende, nicht willkürliche, während unter 2712V die Erfindung des Alphabets znr Bildung kom- binirter Worte zu verstehen sei.