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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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Die Bedeutsamkeit dieses Lehrsatzes ist bisher noch nicht gewürdigt worden und soll als Beweisführung für unser Thema herangezogen werden, das eine Breite der Ausführung verträgt und erfordert.

Daß der Mensch der Erfinder der Sprache ist, bezeugt die Genesis selbst, (2,19):Und es schuf der Ewige Allmächtige von der Erde alles Gethier des ^ Feldes und alle Vögel des Himmels und ließ sie zu dem Menschen kommen, um zu sehen, wie er sie benennen würde, und wie der Mensch jedes als Lebe­wesen benannte, so sei sein Name. Und es nannte der Mensch Namen für alle Thiere und das Gefieder des. Himmels, aber für den Menschen fand er keine ihm passende Gesellung."

Das äußere Gepräge dieser Sätze des heiligen Buches erinnert zwar cm den von R. Israel Balschemtow ausgesprochenen Grundsatz: 'N TNIll

LNX 7Q (Die Thora ist noch immer ganz, es

hat sie noch kein Mensch recht berührt). Es wird auch bei Enosch, bei Abraham, bei Mose, bei Bezalel der Ausdruckmit Namen nennen" in einer bisher noch -nicht aufgehellten Bedeutung gebraucht, für welche die rohe Uebersetzung nicht ausreicht, so daß wir uns trotz aller anscheinenden Schlichtheit, lenürnab, den Zusammenhang des Benennens, mit der Gesellschaftswahl nicht erklären können; aber daß die dem Menschen zugedachte Herrschaft über die Geschöpfe der Erde ihm die Freiheit der Sprachebildung brachte, geht unzweideutig aus dem Wortlaut hervor. Wie unsere Weisen schon bemerken, ist die hebräische Sprache eine logische, mit Bewußtsein und Anpassung an den Gedanken gemachte, .nicht durch unartikulirtes Lallen zufällig entstandene. Sie beseitigt den Hang zur Degeneration durch einen festgefügten Bau dreibuchstabiger Konsonanten­wurzeln. Die anderen Sprachen, auch die hochentwickeltsten arischen, zeigen das auffallende Bestreben, durch das Vorherrschen der Vokale zur thierischen Laute­sprache zurückzukehren, ein Atavismus, dem das Chinesische seine eigenthümliche Einsilbigkeit und Konsonantcnarmuth verdankt. Aber auch das Französische hat die­selbe Tendenz, die noch heute im Steigen ist, die Konsonanten, die eigentlichen Bau­steine der Sprache, zu zerstören. Aus Eatalaunum, daß vielleicht von dem phönizischen stntel herstammt, alsoSchlachtfeld" bedeutet, aus seinen 4 Silben 6 Konsonanten und 6 Vokalen, macht der Franzose Ebüloim zwei Silben mit den vokalähnlichsten Zisch-, Zungen- und Nasenlauten. Aus dem lateinischen badet macht der Deutsche nochhat", der Italiener da, der Franzose den unarti- kulirten Laut a u. s. w. Wie ganz anders der Hebräer!

Es läßt sich auf Schritt und Tritt Nachweisen, daß der ganze Sprach- apparat in Gehirn und Kehle vor dem Erbauer der Sprache offen lag, wie die Tasten eines Klaviers. Daß das heute unbewußte Organ des Xaclinut ba8ecbe1, des über und vor dem Verstände liegenden sogenannten Instinkts, bei ihm mit vollem Bewußtsein wählte und baute und die hervorragendsten aller Erfindungen, die des Alphabets, schuf, welche das endlose Chaos der Bilder, das in der chinesischen Bilderschrift 80 000 Buchstaben umfaßt, durch die Harmonie von 22 Monaden beherrscht, die mit Ausnahme des Aleph, welches als Mittelglied zwischen der Gedankensprache und den Sprechorganen eigentlich dm Schlußstein der tonlosen Gedankensprache bildet, nur aus 7 in drei Linien vervielfältigten Grundmonaden bestehen.

Der Artikel NX, der dem Nennworte vorausgeht, bedeutet eigentlich eine Pause des Zeitgewinnes für die Wahl der Benennung des Gegenstandes. Diese Pause umfaßt den Anfang und das Ende des Alphabets. Es entstammt der Wurzel xnx das Kommende, noch Unbekannte, Formlose, das unsere Neugierde und die Bereitschaft der Bausteine unseres Sprachmaterials herausfordert. (Lecluscbas 1.)