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oder Nichtbestande, auch nach der Zerstörung des Tempels und auf dem fremden Boden des Exils die lebendige Erkenntniß der göttlichen Weltleitung bei Einzelnen, durch Adel der Abstammung, des Geistes, und strenge Befolgung der im Golus übriggebliebenen Gebote ausgezeichneten Männern keinerlei Abbruch und Veränderung erlitten hat. Daniel, Esra, Nehemia und Mordechai sind die unerschütterlichen Grundpfeiler ,des inneren Lebens im Judenthume für alle Zeiten des Exils nach Zerstörung seines politischen Staatskörpers.
Als besiegte Gefangene eines dem gesummten Heidenthume als invi 8 urn cleis, den Göttern verhaßten Volkes, das man als vereinzelten Protest gegen die Entartung der Menschheit für immer beseitigt wähnte, haben sie die stolzesten Weltherrscher zur Anerkennung eines höheren Wesens gezwungen und den end- giltigen Siegeslauf der Gottesidee über die ganze Welt angebahnt. Iosephus berichtet, daß die nachsichtige Behandlung, welche Alexander der Große den treu zu Darms haltenden Juden angedeihen ließ, nicht nur auf den großartigen Eindruck zurückzusühren war, welchen die Erscheinung des Hohenpriesters auf den europäischen Welteroberer machte, sondern auch aus den Umstand, daß ihm derselbe die VoraussaMngen Daniel's über sein Erscheinen mittheilte. Auch aus den alten Antisemiten Tacitus hat, trotz seiner klassisch-barbarischen Unwissenheit, das Buch Daniel merkwürdigen Eindruck geinacht. Nicht als ob er seinen Namen gekannt hätte — nennt er doch noch in seiner grotesken Manier als den Stammvater der Juden anstatt Abraham einen gewissen Wider — aber wir finden bei ihm den ersten merkwürdigen Versuch, die heiligen Schriften des so verachteten Judenvolkes als Zeugen für das Heidcuthum zu fructisiciren.' Er sagt nämlich' in seinem Buche 6 e expeäüione in urdein 8 Lcram, daß die Juden die Kühnheit des Kampfes gegen die römische Weltherrschaft aus den Voraussetzungen ihrer heiligen Bücher schöpften, währen^ diese sich jedoch nur auf VatM und Sohn, aus Vespasian und Titus bezögen. Eine interessante Taktik, die in anderer Form durch Jahrhunderte angewandt wurde. Heutzutage ist der Kampf gegen Amalek, / der von Geschlecht zu Geschlecht ununterbrochen ^ortdauert, freilich in eine ganz neue Phase getreten. Die ohnmächtigen Versuche der äußeren Feinde, die mit Leichtigkeit zurückgeschlagen wurden, sind im Westen wenigstens mit weit größereni Nachdrucke durch die entarteten Söhne unsres Volkes fortgesetzt worden, welche die vernichtende Axt an die Wurzel unsres Glaubens und das Heiligthum unserer Schriften mit frevelhaft zerstörender Hand zu legen versucht haben. Unser alter Cousin Amalek ist wieder Familienfreund geworden, und es ist ihm gelungen, die Schwachköpfe zu bethören. Er ist erkannt, entlarvt und mit kräftigen Fußtritten zum Thore hinausbefördert, gezwungen worden, den offenen Kampf wieder aufzunehmen gegen eine wohlgerüstete Phalanx von Männern, an deren Spitze R. Israel Balschemtow steht.
Von welcher Höhe aus dieser moderne Daniel das Weltgetriebe und den Kampfplatz überblickte, zeigt uns ein Bericht aus den von einem Zeitgenossen verfaßten Memoiren, die mit manchen Legenden aus seiner Jugend viel Mit- crlebtes schildern. Die betreffende Stelle ist vor Jahren von einem böhmischen Forscher mit dem üblichen höhnischen rioum teneatw anbei und manchen kecken Fälschungen übersetzt worden. Am letzten Jomkippur vor seinem Tode (er starb am Schebuothfeste 6 . Siwan 1721) ging der Balschem zum Neilahgebete unter Wehklagen, daß eine der größten Gefahren drohe. Man will uns, sagte er, die Thora wegnchmcn. Womit werden »vir uns unter den Völkern auch nur einen Augenblick halten können? Das Nei'lahgebet verbrachte er unter solchen Anstrengungen und Hi 8 p 35 cdtus IraAa 5 cInniju 8 (Löslösung vom Körper), daß die Umstehenden überzeugt waren, es sei der Tod bei ihm eingetreten. Als er