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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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zweiten Tafel der freiheitlichen Entwickelung wurde dasselbe erst zur Katastrophe, die mit einer allgemeinen Vernichtung verzeichnet wurde. (Siehe (lvulnt -Iwmel, Randglossen des R. Israel Koziniecer zu Oodurok des Mahral von Prag.) Für den Kenner dieser Systeme existirt hier ebenso wenig wie bei R. Mose Chajim Luzzato in Wirklichkeit ein Widerspruch zwischen dem Texte der Genesis und der traditionellen Kosmogonie unserer Weisen. Der Widerspruch zwischen Freiheit und Gesetzmäßigkeit hingegen ist nur ein scheinbarer, in der Trennung unseres Erkenntniß- vermögens in zwei von einander verschiedenen Hemisphären begründeter, der auch in der exakten Wissenschaft zum Vorscheine kommt.

Nehmen wir zum Beispiel die erst ein Jahrhundert alte moderne Chemie in ihrem Verhältniß zur Physik! Die Grundlage beider bilden die zwei gegensätzlickien Seiten der Kant'schen Antinomie über das Problem, ob ein Körper theilbar sei bis in's Unendliche oder nicht. Der angeborene Geistestrieb des analytischen Verstandes erreicht in der Physik als Grenze und Grundlage der Forschung das Molekül, als Endpunkt, bei welchem die Theilbarkeit des Stoffes aushört. In direktem Gegensatz dazu weist die Chemie nach, daß das letzte Molekül aus Atomen zusammengesetzt sei, deren griechische Benennung als chemisch untheilbarstes Theilchen die neueste Forschung nicht hindert, immer neue Urgtome ans Tageslicht zu fördern. Die grundsätzliche Feindschaft der exakten Wissenschaften gegen die Philosophie vermag jedoch das Gefühl der Lästigkeit dieser Widersprüche nicht zu bannen und hat ver­gebliche Versuche entfesselt, die ganze Atomlehre, die trotz der Atomgewichte als etwas Mystisches empfunden wird, durch andere, nicht minder nebelhafte Theorien zu er­setzen oder vielmehr zu umgehen.

Aber auch die exakteste aller Wissenschaften, die Mathematik, muß die Unzulänglichkeit des mit gegensätzlichen Sphären der Vorstellung und Verstandskraft arbeitenden Gedankens eingestehen.

Wir kommen da zu dem ersten Lehrsätze der Kabbala über das Vcr- hältniß zwischen Unendlichkeit und Endlichkeit. Beide Begriffe sind unumstößliche Postulate der Wissenschaft, die keine Rechenschaft darüber zu geben vermag, auf Welche Weise beide neben einander bestehen können, obwohl ein jeder den andren ausschließt. Der Talmud in der ersten Mischnah von Chagiga II bezeichnet diese Betrachtung als verboten, weil sie die Weltgrenze, das heißt subjektiv: die Grenzen des menschlichen Erkenntnißvermögens durchbricht (x^ 'isi X1N "NX"!

X2).

Die seichte aristotelische Philosophie hat sich die Sache viel leichter gemacht, indem sie das Unendliche als bloß fakultativen Begriff des menschlichen Berechnungs­vermögens, dessen Zahlen ins Unendliche gehen, durch eine Spiegelfechterei negiren zu können vermeint. Die neue Wissenschaft hat in Uebereinstimmung mit der Kabbala die gänzliche Haltlosigkeit dieser Ansicht nachgewiesen' und den Beweis geliefert, daß die von der Mischnah gesteckten Grenzen durch keinerlei philosophischen Kommentar (vgl. Maimonides' Kommentar zur betreffenden Stelle) umgangen werden können.

Den Standpunkt, welchen die moderne Wissenschaft mit ihrem ungeahnten Erfolgen auf technischen: Gebiete einnimmt, charakterisirt die Jnaugurationsrede ' des Rektors Wiesneran der Wiener Universität über die Pflanzenphysiologie, welche mit den Lemerkenswerthen Worten schließt:So hat die exakteste Forschung selbst in: Bereiche des Materiellen zu unübersteiglichen Grenzen geführt, und die alten Räthsel der Welt und alles Seins blieben trotz aller Fortschritte ungelöst, und klarer vielleicht als die Deuker früherer wissenschaftlicher Epochen erkennen wir, daß ihre Lösung jenseits menschlicher Geisteskraft liegt. Sie bleiben dem größten Denker ebenso unlösbar wie dem simpelsten Verstände. Das Ver-