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hältniß der einzelnen Wissenschaften zu einander gestaltet sich so komplizirt, daß wir wohl begreifen, wenn alle Versuche, welche von Bacon bis d'Alembert und den Encyklopädisten bis auf die neueste Zeit zu eüwr Klassifikation der Wissenschaften unternommen wurden, scheitern mußten . / . . . Durch die exakte Art ihres Betriebes in Schranken gehalten, schreitet Die Wissenschaft vorwärts, das menschlicher Geisteskraft Erreichbare immer mehr erreichend, aber auch das Unerreichbare immer deutlicher als unerreichbar erkennend. Ja immer mehr treten uns die Grenzen unsres Erkennens entgegen. Der Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Leben hat sich noch in keinem Zeiträume so stark geäußert, als in unserem zur Neige gehenden Jahrhundert (W. sprach 1899), und wird in dem kommenden zweifellos noch machtvoller sich gestalten. Stolze Ueberhebung auf der einen und Verständnißlosigkeit auf der anderen Seite haben oft und lange einen Gegensatz zwischen Wissenschaft und- Praxis erhalten, welcher beiderseits auf mangelndem Verständniß und beschränktem Ausblick beruhte. Wahrhaft große Forscher erkannten stets, daß, wie sich Helmholtz gelegentlich ausdrückte, Wissen allein nicht Zweck des Menschen auf Erden sei, sondern daß sich das Wissen im Leben auch bethätigen müsse. Nur in diesem Sinne sei Wissen Macht . . . Andere als im nüchternen Wissenschaftsbetriebe thätige Seelenkräfte übernehmen es, ein beruhigendes Berhältniß zwischen der Unendlichkeit und unserer Beschränktheit herzustellen. Der Verstand der Verständigsten, frei von dem Dünkel eigenster Größe, beugt sich wie ein kindlich Gemüth vor dem Uner- forschlichen, vor dem Urquell alles Seins."
Ohne uns gutmüthiger Weise über den inneren Werth dieser Worte täuschen zu wollen, müssen wir doch mit einer gewissen Genugthuung konstatiren, daß zwischen den Wenigen, welche sich aus dem Sumpfe des modernen Materialismus auf die Höhen der freien Forschung zu retten vermochten, und den in den unbeachtesten Winkeln verborgenen Führern des jüdischen Volkes ein Parallelismus der Geistesrichtung herrscht, welche ebensowohl bestrebt ist, den menschlichen Geist gewaltsam in die Regionen höherer Erkenntniß hinaufzureißen, als auch den Ruhepunkt zu finden, welcher der menschlichen Seele die Befriedigung am Dasein gewährt.
Der Unterschied zwischen der induktiven Forschung und der intuitiven Ueberlieferung ist etwa demjenigen gleich, der zwischen den mit Aufwand scharfsinnigster Berechnungen angestellten Versuchen der Konstruktion einer Flugmaschine und dem sicheren Fluge des Vogels besteht.
Ein drastisches Beispiel bietet uns die Gravitationstheorie des wiederholt citirten R. Chaim Len Atar im Gegensatz zu der Newton'schen.
Die uneingestandene Tendenz der letzteren geht dahin, den Hauptbeweis der aristotelischen Scholastik für die göttliche Weltleitung, welche sich in der Bewegung der Himmelskörper manifestirt, indem diese Bewegung ihren Anstoß nur durch einen höheren Willen erhalten haben kann, durch ein mechanisches Gesetz zu verdrängen. (Vgl. Maimonides' hall baebasLÜn, I, 4.) Dem unbefangenen, selbständigen Denker wird es bald klar, daß die Newton'sche Formel der beabsichtigten, monistischen Erklärung des Welträthsels keineswegs entspricht, indem sie in den beiden einander entgegengesetzten Kräften, der Zentripetal- und Zentrifugalkraft geradezu eine physikalische Antinomie aufstellt. Daß ferner die Berechtigung dieses Gesetzes wohl in den Nahmen der aristotelischen Stabilitätstheorie eingefügt werden kann, nachdem dieselbe jedoch durch Herschel's Himmelsphysik, vollkommener durch die Käut-Laplace'sche Schöpfungstheorie all adsurclum geführt ist, im Bereiche der modernen Atomenlehre für den vorausgegangenen Schöpfungszustand der gasförmigen Moleküle und den