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selbst, frei von jeder Berührung mit fremden Disziplinen, zu vereinigen sucht.
Merkwürdig ist dabei, wie sich die Extreme berühren. Denn, wenn die kannibalische mechanistische Weltanschauung der äußersten Materialisten alle Aeußerungen von Geist und Gefühl als rein mechanische, als Phosphor- und Eisen-Sekretionen von Gehirn und Herz darzustelleit bemüht ist, so ist der Schluß unabweisbar, daß z. B. ein Phosphor- und eisenhaltiger Berg mehr Geist und Gefühl haben muß, als eine ganze Burschenschaft zusammengenommen. Eine Chemikerschule hat den Atomen Anziehungs- und Abstoßungskraft, Liebe und Furcht zugesprochen, während noch vor einem Jahrhundert die thörichte Ansicht des Cartesius allgemein verbreitet war, daß das Thier überhaupt keine Empfindung habe. So wird die Forschung von einem Extrem ins Andere hin und her geschleudert.
R. Chaim ben Atar (1696—1743). Eine der merkwürdigsten
Erscheinungen im Leben des R. Israel Balschemtow ist sein Verhalten zum Ver- faster des Or baclmjim, der uns durch eine zeitgenössische Autorität, wie Asulai, aus eigener Erfahrung bestätigt wird.
Derselbe berichtet in seinem berühmten Werke Zedern da^eclolirn, welches die Hauvtquelle für die moderne jüdische Geschichtsschreibung bildet, daß er ein Jahr (so lange währte der Aufenthalt des aus Marokko geflüchteten Rabbiners in Jerusalem bis zu dessen frühzeitigem Hinscheiden in: Älter von 47 Jahren), zu den Füßen dieses großen Meisters gesessen habe.
Asulai war damals 19 Jahre alt. Sein Urtheil über seinen Jugendlehrer sautet, daß seine Beherrschung des Talmud etwas für seine Generation Er- jchreckendes, Ueberwältigendes (7NP2V) gehabt habe. Man kann sich einen Begriff davon machen, was ein solches Urtheil im Munde eines Mannes bedeutet, der unter den talmudischen Koryphäen einen ersten Rang einnimmt, und die beschränkende Klausel „für unsere Generation" wird in das rechte Licht gesetzt, wenn man an den damaligen Rabbiner Chiskia da Silva, den Verfasser des LNN^"IDdenkt, der vor den größten Autoritäten der vorhergehenden Jahrhunderte bis zum Verfasser des Schulchan Aruch hinauf sich nicht beugt. Ebenso will die feine Bemerkung Azulai's verstanden sein, daß der Eindruck der Persönlichkeit bes R. Chaim ben Atar und seine Heiligkeit noch zehn Mal größer war, als dies aus seinen Werken ersichtlich ist. Es steckt darin der Kern einer tiefen Beobachtung, daß die Größe eines Mannes nicht immer aus seinen Werken beurtheilt werden kann. Es hat, wie ein Chaßidim-Rabbi bemerkte, an sich ziemlich unbedeutende Männer gegeben, die ein besonders Geschick besaßen, wie z. B. R. Schälom Busaglo, Verfasser des unentbehrlichen Sohar-Kommentars, während z. B. R. Naftali Cohen-Zedek (Rabbiner von Ostrog, Posen, Frankfurt, 1639—1719) der größte Mann seines Zeitalters gewesen sei und doch sein Werk LeiniedrU Edaedamiin den gestellten Erwartungen keineswegs entspreche. Ganz dasselbe Urtheil ist eigentlich auch auf seinen Großvater, den hohen Rabbi Löw (Mahral von Prag), anwendbar.
So imponirte auch dein Azulai das Werk des R. Chaim ben Atar nicht in dem Verhältnitz zu dessen Persönlichkeit, und über seine wahre Größe erhielt er erst ungeahnte Aufschlüsse durch die von ihm im Uirke josel, Hilckot Lilasirn, erwähnten Chaßidim, Schüler des Balschemtow, die aus Polen nach Liberias eingewandert Waren.
Man muß die damals in sephardischen Kreisen herrschende Richtung kennen. Im Gegensätze zu der in Europa überschwänglich kultivirten Pil- pulistik war im Orient und den Berberstaaten die Halacha auf den zweiten Rang herabgedrückt, den ersten nahm die Kabbala ein. Außer den Schulen in Jeru-