Druckschrift 
Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
Entstehung
Seite
81
Einzelbild herunterladen

81

verurtheilt, von seinen Schülern befragt, womit er sich das verdient habe, geantwortet hatte, daß ihn einmal bei einem Vortrage vor in großen Massen versammeltem Volke ein Selbstgefühl überkommen habe, wodurch er die Ehr­furcht vor dem Könige aller Könige verletzt hätte, vor dem er gestanden.

Ebenso urtheilt Cbessecl l'adralmm in der bereits citirten Einleitung über Mose, daß sein ganzes Streben darauf gerichtet war, nur nicht als eine, wenn auch noch so feine, Scheidewand zwischen Gott und Israel zu treten. So kam er soweit zum gänzlichen Vergessen seines eigenen Jchs, daß er in seinen: Sterbesegen sagen konnte: P2L> Oll? '2denn dort ist der Ruhe­

platz des Gesetzgebers verborgen", und in dieser Erhebung über das eigene Ich konnte er das Diktat niederschreiben:Und Niemand kennt sein Grab bis auf den heutigen Tag", um der unabweislichen Verehrung späterer Geschlechter an seinem, wenn auch nur vermeintlichen Grabe vorzubeugen, einem Kultus, der sein höchstes Streben zu vernichten geeignet gewesen wäre.

Kehren wir zurück zu R. Chaim ben Atar, dessen Pentateuchkommentar seitens des Balschemtow als die Bibel des Chaßidismus und als Ersatz für den Sohar eingeführt wurde, weil Letzterer für die spätere Generation viel zu hoch sei!

R. Chaim ben Atar war in Mogador in Marokko geboren, als Sohn einer der ältesten und adeligsten Gelehrtenfamilien, die aus Andalusien nach Marokko Vertrieben waren. Sein Vetter R. Juda ben Atar "Mp heißt eigentlichSohn der Krone", weil die Familie sich davidischer Abstammung rühmte der als heiliger Gelehrter große Verehrung genoß, wurde von den: Bey von Tunis den Löwen vorgeworfen, die ihn ebenso wie seinen Urahnen Daniel unbe­rührt ließen. Philippson bringt in seinem Kommentar zu Daniel den Bericht eines holländischen Reisenden, der sich auf dieses Ereigniß bezieht, und dasselbe damit zu erklären sucht, daß die Juden darauf bedacht seien, die Löwen durch freiwillige Fütterungphilosemitisch" zu stimmen (!?).

Aber auch das jugendliche Haupt des R. Chaim ben Atar ist von Sagen umwoben. Man erzählt noch heute in Mogador folgende Geschichte von ihm: Der Sultan von Marokko kam eines Tages nach Mogador und feierte dort seinen Geburtstag. In froher Laune verordnete er, daß jeder Einwohner der Stadt, der an demselben Jahrestage geboren sei, sich eine Gnade ausbitten dürfe. Da­raufhin erbat sich der Rabbiner Chaim die Gnade des fürstlichen Besuches, die gewährt wurde. Der Sultan war sehr zufrieden und nahm das Geschenk an, das ihm der jugendliche Rabbiner anbot. Es bestand in einem Spiegel, in welchem der Sultan Manches sehen könnte, was ihm wünscheuswerth wäre. Der Sultan verlangte zu sehen, was in seinem Hanse vorgehe. Da zeigte ihm ein Blick in den Spiegel seine Favoritin in ehebrecherischem Umgänge mit dem Großvezier. Von höchstem Zorn, entbrannt, bat er R. Chain: um Rath, was er thun sollte. Dieser antwortete: Erschieße ihn! Der Sultan zog seine Pistole und schoß in den Spiegel. Als er in seine Residenz zurückkehrte, fand er das Volk in vollem Aufruhr. Es wollte das Judenviertel stürmen, wo man bei der Mauer die Leiche des Großveziers gefunden hatte, der, wie die Favoritin sagte, von den Juden ermordet worden sei. Der Sultan beschwichtigte die Menge und ließ die Favoritin den: Vezier ins Grab folgen.

In Jerusalem erzählt man von ihm, daß er einst bei einer drückenden Erpressung seitens des Pascha, der den Rabbinen und Notabeln mit Bastonnade drohte, von den Letzteren zu einer geheime:: Bcrathung geladen worden sei. Als passendsten Ort hatte man die Betstube der Karaiteu gewählt, die unterirdisch in einer Art von Keller ihre Andacht ausübten. Als! dieselben darauf einwilligten, be-