Druckschrift 
Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
Entstehung
Seite
83
Einzelbild herunterladen

83

Einer seiner Schüler, David Gans, berichtet im 2emacll vaviä von einer geheimnißvollen Audienz, die demselben durch ein Faktum von einem großen Herrscher gewährt wurde, das nicht veröffentlicht werden konnte. Asulai berichtet im Lebern ba^eäolim, daß ihm ein hochbetagter Greis darüber Ausschluß gegeben habe, den er aber aus denselben Gründen nicht mittheilen könne. Der berühmte Gaon, R. Isaak Meier aus Warschau (geü. 1866), hat dasselbe ans dem Munde eines Lehrers, des bereits erwähnten R, Israel Kozinecer, vernommen, bei welchem er bis zu seinein 17. Lebensjahre als sein hervorragendster Talmud­schüler auferzogen war. Der Lla^ (die übliche Benennung dieses berühmten Mannes, die mit dem früher üblichen Wanderprediger ganz und gar nichts zu thun hat) erzählte, daß auf Veranlassung der Geistlichkeit, trotz des Widerstrebens des judenfreundlichen Herrschers, die Unterzeichnung eines Dekretes der Aus­treibung der Juden für den nächsten Tag bestimmt war. Der Khalife, sagen wir, befand sich gerade in der Stadt, in welcher der hohe Rabbi Löw damals weilte. Er saß allein in seinem Speisesaale und war nach dem Essen ein­geschlummert. Da träumte ihm, er befände sich in seiner Hauptstadt. Es war ein heißer Sommertag, und er fuhr mit seiner Suite in den Wald, uni in: Strome zu baden. Als guter Schwimmer trennte er sich von seiner Gesellschaft, durch­schwamm den breiten Strom und ruhte, etwas erschöpft von der Anstrengung, am- andren Ufer aus. Zu seiner größten Ueberraschupg sah er, wie sein Gefolge aus dem Strom stieg, sich ankleidete, wie sich einer in seinen Wagen setzte und, trotzdem er aus Leibeskräften schreiend zum Warten aufforderte, Alle auf und davonfuhren. Ganz verzweifelt blieb der Fürst ganz unbekleidet am jenseitigen Ufer, er fühlte nicht mehr die Kraft, zurückzuschwimmen, und begab sich endlich in den angrenzenden Wald, wo er auf Köhler stieß, denen er sich zu erkennen gab. Die rohen Gesellen lachten ihn aus und prügelten ihn weidlich durch. Mit Noch ihren Fäusten entronnen, irrte er im Walde umher, bis er einen alten Bettler traf, der ihm die nothdürftigsten Lumpen zur Bekleidung schenkte. So kam er endlich auf die Heerstraße, traf Leute, die aus der Hauptstadt kamen urch den Khalifen Wohl und munter gesehen hatten. An seinem Schicksale verzweifelnd, irrte er von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt und hütete sich nach den überein­stimmenden Berichten aus der Hauptstadt wohlweislich, sich zu erkennen zu geben.

So kam er endlich nach langen Wochen in die Stadt, wo der hohe Rabbi Löw damals wohnte.

Es zog ihn in das Judenquartier, denn er sagte sich : das Schicksal dieses Volkes mit seiner großen Vergangenheit und seiner tiefsten Erniedrigung ist dem meinigen nur zu ähnlich. Er traf einen alten Juden, dessen Physiognomie ihm besonders vertrauenerregend schien, und entschloß sich, ihm sein Geheimniß cm- zuvertrauen. Mit äußerster Unterwürfigkeit antwortete ihm der Jude: Da weiß kein Andrer Rath als der hohe Rabbi Löw. Er führte ihn zu demselben. Dieser hörte ihn aufmerksam an und sagte ihm: Ein Doppelgänger hat Euren Thron eingenommen. (Vgl. Gittin 67 bei Salomo.) Derselbe ist heute hier und fährt zum Wasser baden. Wenn er im Wasser sein wird, so werdet Ihr es ihm gerade so machen, wie er. es gethan, und auf und davonfahren. Der Khalife: Aber wie kann ich das in diesem Aufzuge? Der hohe Rabbi Löw besorgte ihm nun Passende Kleider und schor ihm den wildgewachsenen Bart, wie auch die Fingernägel.

Neuen Muthes ging er zum Flusse, traf die Gesellschaft, wie ihm der Mahral vorausgesagt hatte, fuhr auf und davon und erwachte aus dem wüsten Traume. Wie erschrak er aber, als er auf dem Tische eine goldene Platte mit den Bart- und Nagcl'resten vor sich stehen sah. , Der Maggid schloß die Erzählung mit den Worten: Das Alles verstehe ich auch, bis auf das Hinstellen der Platte.