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Wir leben in einem Zeitalter, in welchem große Kreise scharfsinniger Gelehrten und Philosophen über solche Ammenmärchen, wie sie vor fünfzig Jahren genannt wurden, nicht mehr lachen, sondern dieselben durch griechische Benennungen, wie Telepathie, Telekinesie, in ganz ähnlichen Formen wissenschaftlich — sit venia verdo — genießbar zu machen bestrebt sind.
Das Zeitalter des hohen Rabbi Löw war von seinen Wunderthaten so überzeugt, daß sein ebenso berühmter Enkel, R. Naftali Cohen-Zedek. in seinem Responsum an seinen Cousin, den berühmten Chacham Zwi Aschkenasi, bei einem Gutachten, wo es sich um das Fehlen des Herzens bei einem geschlachteten Huhn handelt, den Ausdruck gebrauchen konnte: M22 L'wlr' ^7 '28
2O11DQ2 „Mein Großvater, der Mahral, welcher, wie allgemein bekannt, Prophetenwunder verrichtet hat".
Aber auch bis in die neueste Zeit reicht dieser Wunderglaube in orthodoxen, dem Chaßidismus fremden oder ihm gegnerischen Kreisen. Man lese nur die Biographie des Wilnaer Gaon und die Vorrede zu seinem Sohar- kommentar, welche an Uebertreibungen mehr leisten, als die ganze chaßidische Literatur zusammengenommen.
Man lese die Biographie des verewigten Posener Rabbiners R. Akiba Eiger, der für seine Bekämpfung der Cholera im Jahre 1831 durch Amulette und die Rettung der einzigen Tochter des damaligen Posener Gouverneurs von dem nichts weniger als judenfrenndlichen König Friedrich Wilhelm IV. durch einen Orden ausgezeichnet wurde! Nikolsburg hat auch noch lebendige Traditionen von der übernatürlichen Macht des R. Mordechai Banet
Als Kuriosum wegen der Quelle, aus der sie stammt, mag folgende Erzählung Erwähnung finden, welche der Direktor der Länderbank, Herr Korit- schoner, im Namen seiner Mutter von seinem Großvater R. Mosche Korit- schoner erzählte. R. Mordechai Banet war in Karlsbad erkrankt. Als der Courier diese Nachricht überbrachte, versammelte sich natürlich die ganze Gemeinde, um für ihn zu beten und „Tillim zu sagen". Inmitten der Andacht kam R. Mosche, der Dajan bei R. Mordechai war, aus dessen Zimmer in das Beth-Hamidrasch und hieß aufhören. Nach einigen Tagen erfuhr man, daß der Rabbiner um diese Zeit bereits die Seele ausgehaucht hatte. Bei den Rabbinern der alten Schule, die mit dem Talmudstudium die strengste Askese und den innigsten Gottesdienst verbanden, galt überhaupt das Wort des Talmud: IIQ'N N21V 71P1 12 HXL» 22N „Ein Gelehrter, der nicht
kl!N (Erkenntniß) besitzt, ist ein lebloser Organismus" — in der einfachen Auslegung, welche Raschi II, 31,3 dem Worte NPI giebtnrN^N N12 (Prophetengeist) soll durch dasHTHorastudium erworben werden.
Am Weitesten geht in dieser Beziehung R. MoscheSofer von Preß- burg, der in seinem berühmten 12D O71N sich selbst des Wunders rühmt, das vom Bcthhamikdasch berichtet wird: „sie standen gedrängt und bückten sich bequem" (wie im alten Tempel), und in Abschnitt 197 in einem Responsum an den Chaßi- dimrabbi Moses Teitelbaum von Ujhely von Wunderthaten berichtet, die er bei seinein Lehrer R. Nathan Adler in Frankfurt a. M. gesehen habe. Da ist wieder ein Quellenkuriosuni, da mir ein Redakteur eines sehr bedeutenden Journals von der äußersten Linken, Sohn eines alten, frommen Rabbiners, die Geschichte aus dem Munde seines Vaters genau so erzählt hat, wie die Söhne des R. Mose. R. Nathan Adler hatte Frankfurt verlassen müssen, weil er ein Brautpaar aus angesehenen Familien in den Bann gethan hatte. Er, der den ganzen Talmud auswendig kannte und nie etwas geschrieben hat, weil er sagte, daß für ihn das